Hübner, Kurt/ Nill, Jan:
Nachhaltigkeit als Innovationsmotor - Herausforderungen für das deutsche Innovationssystem,
fhw-forschung 38/39, Berlin 2001: edition sigma, 270 Seiten, Preis 17,90 Euro

Erstes Kapitel

1. Ökologische Modernisierung und Globalisierung der Ökonomie
1.1 Das Konfliktpotenzial

Das Projekt ökologischer Modernisierung und der Prozess ökonomischer Globalisierung stehen zwar in keiner antagonistischen Beziehung zueinander, von einem spannungsreichen Verhältnis ist dennoch auszugehen. Ökologische Modernisierung ist ein politikgetriebenes Projekt, das seine Begründung in genereller Ressourcenknappheit und im der beobachtbaren Qualitätsverlust der natürlichen Umwelt findet. Protagonisten dieses Projektes sind Regierungen, politische Parteien und Verbände sowie sogenannte Nicht-Regierungsorganisationen. Ökonomische Globalisierung ist demgegenüber ein marktgetriebener Prozess, der von Profitanreizen gesteuert wird. Akteure sind in erster Linie die privaten Unternehmen, die mit ihren Transaktionen und Operationen die politischen Grenzen nationaler Volkswirtschaften überschreiten und globale ökonomische Räume konstituieren.

Wie die Akteure, so unterscheiden sich auch die Handlungsräume. Das Projekt ökologischer Modernisierung ist trotz der vielen internationalen Vereinbarungen und Verträge vor allem ein nationalstaatsbezogenes Vorhaben, dessen Dynamik (oder auch Nicht-Dynamik) wesentlich von Akteuren der nationalen politischen Systeme bestimmt ist. Ökonomische Globalisierung hingegen sprengt die nationalen Grenzen und führt Markthandlungen über die nationalen Regulationsweisen hinaus. Der ökonomische ,.Mehrwert" verteilt sich in diesem Spiel nach neuen Regeln. Absolute Gewinner sind die hochgradig mobilen Akteure, denen sich neue exit- und voice-Optionen eröffnen. Absolute oder relative Verlierer sind die international wenig oder gar nicht mobilen Akteure. Insoweit ökonomische Globalisierung zu einer Steigerung des Wachstumstempos von Produktion und Konsumtion führt, kann es zu einem Konflikt zwischen Ökologischer Modernisierung und Globalisierung kommen, jedenfalls dann, wenn mit dem beschleunigten Wachstumstempo eine Zunahme der ökologischen Belastungen und Degradation einhergeht.

Der von dem Projekt ökologischer Modernisierung herrührende politische Mehrwert fällt für die beteiligten Akteure unterschiedlich hoch aus und kann im Extremfall für einzelne Akteure sogar negativ sein. Vorangetrieben wird dieses Projekt deshalb nur dann, wenn es sich

(i) insgesamt als Positivsummenspiel erweist und
(ii) die relevanten Akteure zu den Gewinnern des "Spiels" zählen.

Geht man der Einfachheit halber davon aus, dass Maßnahmen einer ökologischen Modernisierung mit Kosten und Erträgen verbunden sind, dann bedeutet dies, dass

(i) die systemischen Nettoerträge eines solchen Projektes positiv sein müssen und
(ii) die - noch zu identifizierenden - relevanten Akteure über die Kosten hin- ausgehende Erträge erzielen. Teile dieser Erträge können dann
(iii) zur Auszahlung an die Verlierer ökologischer Modernisierung verwendet werden, um auf diese Weise eine möglichst breite Unterstützung dieses Vorhabens sicherzustellen.

Darf dieses Mindestkriterium schon in einer "geschlossenen Volkswirtschaft" als höchst anspruchsvoll bezeichnet werden, so gilt dies noch mehr für den Fall einer "offenen Volkswirtschaft".

Ökonomische Globalisierung hat den Blick für die Kostenseite bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen geschärft. Weil in nationalen Räumen hergestellte Produkte und Dienstleistungen, aber eben auch ganze nationale ökonomische Systeme durch die global hochmobilen Unternehmen miteinander in Vergleich gesetzt werden, kommt Beschaffungspreisen und Größen wie Zinssätzen und Wechselkursen eine enorme Bedeutung zu. Die Steigerung grenzüberschreitender Mobilität des Faktors Kapital lässt auch das politische System nicht unberührt: Unternehmen verfügen im Rahmen einer sich globalisierenden Ökonomie über mehr exit und voice options. Sie können nationale Räume verlassen und/oder den politischen Akteuren nahe bringen, dass sie ohne entsprechende Kostenentlastungen nicht länger fähig und willig sind, ihre Produktion von Waren und Dienstleistungen innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen zu vollziehen. Es kann bereits ausreichen, eine solche Drohung auszusprechen, um die Politik ins Schwitzen zu bringen.

Die exit- und voice - Optionen spielen eine besondere Rolle für das Projekt der ökologischen Modernisierung. Dieses Vorhaben, wie ambitiös es auch immer angelegt sein mag, provoziert Anpassungs- und Umstellungskosten, sei es, weil Produzenten und/oder Konsumenten ökologische Steuern auferlegt werden oder überhaupt die Nutzung der natürlichen Umwelt bepreist wird oder gar Nutzungsverbote ausgesprochen werden. Erfolgen derartige politische Initiativen nationalstaatlich isoliert, kommt es ceteris paribus automatisch zu einer asymmetrischen Kostenbelastung ökonomischer Akteure. Im Rahmen einer international offenen Volkswirtschaft bedeutet dies eine Belastung der preislichen Wettbewerbsfahigkeit, sie kann die nationale Leistungsbilanz sowie den Wechselkurs einer Währung negativ berühren. Mikroökonomisch können derartige Manöver Unternehmen aus ihren angestammten Märkten drängen oder sie zum Widerstand bis hin zur Verlagerung von Produktionsstätten in andere nationale Räume provozieren. Regierungen geraten auf diese Weise unter politischen wie Ökonomischen Druck, drohen doch ein Anstieg von Arbeitslosigkeit, ein Rückgang von Beschäftigungsmöglichkeiten und eine Reduzierung der Steuerbasis. Ein politisch motiviertes Projekt wie das einer ökologischen Modernisierung, so scheint es, ist mit den durch die globale Ökonomie gesetzten Grenzen des Nationalstaates konfrontiert und kann deshalb nur ein wenig erfolgsträchtiges Vorhaben darstellen.

Im Prinzip kann dieses Problem mittels internationaler Kooperation und/oder mittels der Etablierung von global governance-institutions überwunden werden. Es hätte also eine politische Globalisierung einzusetzen. Die bisherigen Erfahrungen mit der Strategie internationaler Kooperation verweisen allerdings darauf, dass Optimismus nicht angebracht ist. Dieser Ansatz ist vor allem mit dem free rider - Problem konfrontiert, so dass auch im Prinzip kooperationswillige Akteure mit ihren Bestrebungen ins Leere laufen. Theoretisch weiss man, dass das Kooperationsproblem gelöst werden kann, praktisch ist dies allerdings ein schwieriges Unterfangen. Die - modische - Rede von global governance erweist sich bislang in erster Linie als Rhetorik (Phillips/Higgott 1999). Internationale Vertragssysteme wurden zwar entwickelt, doch scheint es, dass sie in starkem Maße nationale Einzelinteressen reflektieren und deshalb hinter den für ihren Erfolg notwendigen Regelungen zurückbleiben

Daraus folgt: Einerseits ist ökologische Modernisierung nach wie vor in erster Linie ein nationales Projekt, das binnengesellschaftliche wie zwischengesellschaftliche Konflikte provoziert. Andererseits betont inzwischen eine zunehmende Zahl von Autoren, dass dem nicht zwangsläufig so sein muss, dass vielmehr Spielarten ökologischer Modernisierung existieren, die gerade auch neue ökonomische Chancen eröffnen und zu win-win-Konstellationen führen (Porter 1991; Wallace 1995; Jänicke 2000). Das Schlüsselwort hierfür heißt Innovation.

1.2 Innovationen als Schlüssel für einen ökologischen Pfadwechsel unter Bedingungen ökonomischer Globalisierung

In weit verbreiteten Interpretationen der ökonomischen Globalisierung kommt dieser Vorgang einer Abdankung einzelstaatlicher Souveränität und dem Ende nationalstaatlicher Politik gleich. Hyperglobalists wie Ohmae (1995) verstehen Globalisierung als Auflösung aller traditionellen Formen des Nationalstaates, ja sogar nationaler Unternehmen. "In this 'borderless' economy", fassen Held et al. (1999, S. 3) diese Position zusammen, "national governments are relegated to little more than transmission belts for global capital". In dieser Sichtweise zeitigt Globalisierung gleichsam nebenbei den Effekt, die hypertrophen nationalen Regierungen zu stutzen und deren Funktionen strikt auf die Erfordernisse des wettbewerbsgetriebenen Akkumulationsprozesses zu beschränken. Globalisierungsskeptiker wie Altvater/Mahnkopf (1999, S. 487) wiederum sehen im Vorgang ökonomischer Globalisierung eine Verwandlung des Weltmarktes - als ein Ensemble von Nationalökonomien - in eine umgreifende (wenn auch nicht homogene) Geoökonomie, die eine 'andere' Logik staatlichen HandeIns erzwinge:

"...sie (die Geoökonomie, d. V.) folgt nun dem Druck der Konkurrenz und sehr viel weniger einer eigenen, politischen Logik. Die Nationalstaaten verschwinden freilich nicht, wohl aber büßen sie einen Teil ihrer Souveränität über ökonomische Prozesse ein".

Mit Blick auf politische Projekte wie das der ökologischen Modernisierung herrscht bei den Vertretern dieser Sichtweise Skepsis vor: Unter dem Druck der Geoökonomie sind Vorhaben diesen Typs schlichtweg konterproduktiv und politisch naiv, steigern sie doch nur die Produktionskosten nationaler Produzenten. Arbeitslosigkeit, Wachstumsrückgang und Kapitalflucht wären die zu erwartenden Folgen.

Wir unterscheiden uns von diesen beiden Interpretationen vor allem dadurch, dass wir den Prozess ökonomischer Globalisierung und die damit einhergehenden Wirkungen auf die nationalen politischen Systeme in anderer Weise interpretieren. Zwar lässt sich seit den siebziger Jahren eine Beschleunigung grenzüberschreitender ökonomischer Transaktionen beobachten. Diese Beschleunigung hat aber bis heute weder eine "Geoökonomie" im Sinne von Altvater/ Mahnkopf noch eine "grenzenlose Ökonomie" im Sinne von Ohmae geschaffen. Eine sorgfältige empirische Untersuchung grenzüberschreitender ökonomischer Transaktionen entlang der vier zentralen Globalisierungskanäle

  1. internationaler Handel mit Waren und Dienstleistungen,
  2. grenzüberschreitende Investitionen in Sachvermögen,
  3. Finanztransaktionen und
  4. Migration von Arbeitskräften

verweist zwar auf ein enormes Größenwachstum aller grenzüberschreitender Aggregate, ohne freilich ernsthafte Gründe für einen fundamentalen Bedeutungsverlust nationaler Räume zu liefern (Hübner 1999a).

Unsere alternative Deutung lässt sich wie folgt umreißen: Globalisierung ist ein fragmentierter Vorgang, der ungleichzeitig und ungleichmäßig erfolgt. Fraglos haben insbesondere Ausmaß und Tempo von Finanztransaktionen sowie von ausländischen Direktinvestitionen enorm zugenommen. Legt man aber das - harte - Kriterium des Law of one Price an, dann kann aber bis heute von keinem einheitlichen Weltfinanzmarkt oder von einem globalen Produktionsmarkt gesprochen werden. Nationale Zinssätze und nationale Profitraten weisen nach Niveau und in den Bewegungsrichtungen bemerkenswerte Unterschiede auf, von den nationalen Löhnen ganz zu schweigen. Nationale Grenzen haben im Zuge beschleunigter Globalisierung an Bedeutung verloren. spielen aber wirtschafts- und gesellschaftspolitisch nach wie vor eine zentrale Rolle. Globalisierung ist also kein Gleichmacher. sondern ein Vorgang, der die bestehenden Unterschiede zwischen nationalen Akkumulationsregimes sichtbar macht.

Damit soll nicht insinuiert werden. ökonomische Globalisierung sei ein Mythos oder ein in seinen Auswirkungen zu vernachlässigender Vorgang. Wir sehen nur keinen Anlass für Dramatisierungen jedweder Art. Nehmen wir nur den Bereich ausländischer Direktinvestitionen. Die neunziger Jahre hindurch erlebte dieses Aggregat die höchsten Wachstumsraten aller grenzüberschreitenden Transaktionen. Obgleich Direktinvestitionen in nahezu alle Regionen der Welt flossen, ist doch zur Kenntnis zu nehmen. dass die Gruppe der entwickelten kapitalistischen Marktwirtschaften das Geschehen eindeutig dominieren. Jüngsten Daten zufolge war diese Gruppe 1998 für 92 Prozent aller Direktinvestitionsabflüsse und für 72 Prozent aller -zuflüsse (1997) verantwortlich (UN 1999, S. 20). Der produktionsseitige Verflechtungsprozess konzentriert sich mithin auf eine Kerngruppe entwickelter Ökonomien. In diesen regionalen und auch sektoralen Agglomerationen wird Produktionswissen angehäuft, das für das Projekt eines Pfadwechsels nutzbar gemacht werden kann.

Eine vergleichbare Entwicklung haben auch die anderen Typen grenzüberschreitender Transaktionen genommen (Hübner 1999a. S. 59ff.). Für den Fall ausländischer Direktinvestitionen ist darüber hinaus zu bedenken, dass es sich bei diesen grenzüberschreitenden Investitionen nur in den wenigsten Fällen um Neuinvestitionen handelt. Getrieben ist dieser Vorgang vielmehr von Ein- und Zukaufstrategien privater Unternehmen, die mehr und mehr (i) direkt auf ihren Absatzmärkten vertreten sein wollen (müssen) und (ii) sich technisches Wissen im Ausland zukaufen. Mergers and acquisitions machen in den neunziger Jahren nach Angaben der OECD (1999. S. 114) sechzig Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen in den OECD-Ökonomien aus. wobei die USA mit einem Anteil von 80 Prozent hinter Australien (85 Prozent) mit an der Spitze liegen. Globalisierung hat mithin einen räumlichen Kern, der sich als OECD-Club bezeichnen lässt. Innerhalb dieses Kerns wird technisches und ökonomisches Wissen über nationalstaatliche Grenzen hinweg getauscht und per Eigenturnstiteln privat angeeignet. Globalisierung bewirkt damit eine räumliche Konzentration und, global gesehen, eine Fragmentierung von Wissen.

Zu beachten ist auch die Rolle der Wirtschaftspolitik. Die seit den achtziger Jahren zu beobachtende Liberalisierung nationaler Investitionsregime hat einen Prozess der Neupositionierung des privaten Unternehmenssektors in Gang gesetzt, der sich als Kombination aus geographischer Ausweitung und Ökonomischer Konzentration beschreiben lässt (Hübner/Petschow 2000). Charakterisiert ist dieser Vorgang durch ein ausgeprägtes internationales Clustering ökonomischer Aktivitäten, das fordistische und post-fordistische ökonomische Räume zusammenbindet, also Formen standardisierter Massenproduktion mit Formen hochflexibler Qualitätsproduktion verbindet (Scott 1998, S. 69ff.). Die auf diese Weise konstruierte internationale Ökonomie kennt eine (begrenzte) Zahl ökonomischer Zentren, die sich durch hochmoderne Produktionen, qualifizierte und gut ausgebildete Arbeitskräfte sowie eine hohe Innovationsdynamik auszeichnen. Solche Zentren können in fordistischen wie in post-fordistischen Räumen lokalisiert werden.

Weitaus größer ist die Zahl peripherer Räume, die in prekärer Weise mit den Zentren verbunden sind und stark miteinander in Konkurrenz stehen. Periphere Räume haben einen verhältnismäßig großen Anteil an weniger gut qualifizierten Arbeitsplätzen, konzentrieren sich tendenziell stärker auf die Fertigung von Massengütern, haben, wenn überhaupt, einen geringen Forschungsbestand und sind von den Zentren ökonomisch abhängig. Peripherien finden sich Überwiegend in fordistischen Räumen, in denen sich die sogenannten alten Industrien und Dienstleister konzentrieren. Unter diesen Gesichtspunkten sind Zentren besser auf ein Projekt ökologischer Modernisierung vorbereitet als Peripherien. Zentren haben auch deshalb die Funktion, Vorreiter in diesem Modernisierungsprozess zu spielen und positive Spillover-Effekte zu produzieren.

Ökonomische Globalisierung erzeugt und reproduziert Ungleichheit. Diese Behauptung steht in Widerspruch zu der - neoklassisch fundierten - Überzeugung, dass unter Bedingungen liberaler Märkte politische Grenzen keine ökonomische Rolle spielen und letztlich alle Preise konvergieren. Im Zeitalter elektronischer Kommunikation erscheint diese Überzeugung mehr als je zuvor zutreffend. Preissignale können in Windeseile von einem nationalen ökonomischen Raum in einen anderen kommuniziert werden und auf diese Weise Anpassungen bis hin zur Herstellung eines einheitlichen globalen Preisvektors erzwingen. Wir haben aber bereits darauf hingewiesen, dass die Realität von einem solchen Bild weit entfernt ist. Nationale Akkumulationsregime und Regulationsweisen spielen nach wie vor eine wichtige Rolle und verhindern die Ausbildung einer preislich uniformen Welt.

Dies gilt in besonderer Weise für die Welt ökonomischer Produktion, also den Bereich ökonomischer Tätigkeiten, der Güter und Dienstleistungen herstellt. Zwar sind Informationen heute in allen Teilen der Welt auf relativeinfache und billige Weise zu erhalten; Wechselkurse und Aktienkurse sind ebenso schnell auf den Bildschirmen der Rechner nachzulesen wie Zinssätze und Inflationsraten. Solche Informationen spielen für den Zweck produktiver Tätigkeiten eine wichtige Rolle. Preisinformationen sind aber nicht alles. Was in der Welt von Produktion und Konsumtion besonders zählt, ist Wissen. Wissen aber ist im Unterschied zur Informationen opak, eine mehrdeutige Größe mit vielen Anwen- dungsmöglichkeiten (vgl. dazu auch Kapitel 2). Während der marginale Preis der Informationsverbreitung mit der Beschleunigung von Zeit und damit der Vernichtung des Raumes gleich bleibt oder sogar sinken kann, nimmt der marginale Preis für Wissenstransfer mit räumlicher Entfernung zu:

"While the marginal cost of transmitting information across geographic space has been rendered invariant by the telecommunications revolution, the marginal cost of transmitting knowledge, and especially tacit knowledge, rises with dis- tance" (Audretsch 1998, S. 21).

Soziale Räume spielen für Wissensgenerierung und für die Verwendung von Wissen eine enorme Rolle. Wir wissen um die räumliche Konzentration verschiedener ökonomischer Aktivitäten. Unser Bild von fordistischen und post-fordistischen Räumen soll dieses Charakteristikum festhalten und daran erinnern, dass Wissen global ungleich verteilt ist. Ein besonderer ausgeprägter Zusammenhang lässt sich für innovative Aktivitäten und regionale Räume nachweisen (Koopman 1999; Blanc/Sierra 1999; ZEW 2000). Im Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands für 1999 heißt es dazu lapidar:

"Innovationen und technologische Entwicklungen vollziehen sich nicht losgelöst von Raum und Zeit, sondern sind an die Standorte von Unternehmen und Forschungseinrichtungen gebunden. Unternehmen wählen nicht nur für ihre Produktions- und Vertriebsaktivitäten, sondern auch für ihre Forschungsaktivitäten die Standorte aus, die ihnen die günstigsten Rahmenbedingungen bieten. Regionale Vorteile sind beispielsweise die Nähe zu Lead Markets, international renommierte Forschungseinrichtungen, qualifiziertes Humankapital, eine international wettbewerbsfähige Infrastruktur, qualitativ hochwertige 'weiche' Standortfaktoren und die Einbindung in regionale Netzwerke" (ZEW 2000, So 86).

Nationale wie regionale Räume haben es, zumindest in starkem Maße, in ihrer Hand, diesen Zusammenhang wirtschaftspolitisch zu nutzen. Dies gilt unter der Bedingung ökonomischer Globalisierung in besonderem Maße, kann doch eine erfolgreiche Steuerung der innovatorischen Basis - durch den Zustrom von ausländischen Direktinvestitionen sowie durch die von einheimischen Unternehmen betriebene Vermarktung des generierten neuen Wissens - das ökonomische Wachstum und die Arbeitsmärkte positiv beeinflussen. Freilich ist zu konstatieren, dass eine nationale Wirtschaftspolitik, die auf dieses Pferd setzt, in einen Wettlauf mit politischen Akteuren, die auf das gleiche Pferd setzen, gerät. Wettläufe dieser Art haben in beträchtlichem Maße zu dem Vorgang kompetitiver Subventionierung privater ökonomischer Tätigkeiten beigetragen; auch bergen sie das Risiko eines down-to-the-bottom-Rennens, weil jeder nationale/regionale Raum den privaten Unternehmen Beiträge zur Senkung ihrer Produktionskosten anbietet.

Dieses Problem stellt sich in besonderem Maße dann, wenn nationale/regionale Räume auf der Grundlage gegebenen Wissens um die gleichen Unternehmen wetteifern. Staatliche Wirtschaftspolitik kann diesem Problem entkommen, indem sie auf die Generierung neuen Wissens und auf neue Produkte und Produktionsprozesse zielt. Die Produktion solchen Wissens ist aber nur attraktiv, wenn die Akteure damit ihre Markt- und Verwertungspositionen verbessern können. Innovationen technischer, sozialer und politischer Art können Unternehmen die Chance bieten, neue Märkte aufzubauen und technologische Renten zu erzielen, die sie zur kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer Produktionen nutzen können. Staatliche Politik kann die für solche Neuerungen notwendigen stabilen Rahmenbedingungen (und mehr) zur Verfügung stellen. In einer Welt Ökonomischer Globalisierung kommt dem staatlichen System deshalb keine kleinere, sondern womöglich noch eine bedeutendere Rolle zu als zuvor.

Innovationen sind damit das Ergebnis vielfältiger Handlungszusammenhänge, die wir in Einklang mit der internationalen Diskussion als Innovationssysteme bezeichnen. Innovationen fallen freilich weder vom Himmel noch sind sie einfach zu bewerkstelligen (Cooke/Morgan 1998, S. lOff.). Sie sind das Produkt unterschiedlichster Handlungen einer großen Zahl ökonomischer, sozialer und politischer Akteure. In der Literatur, und wir schließen uns dieser Vorgehensweise an, wird mit dem Konzept des Nationalen Innovationssystems der Versuch unternommen, dieses Charakteristikum von Innovationsprozessen analytisch in Griff zu bekommen (siehe ausführlich Kapitel 2 und 3). Nationale Innovationssysteme sind unterschiedlich erfolgreich in der Erzeugung ökonomisch nutzbringender Innovationen. Ein Problem, das sich allen diesen Systemen stellt, wird mit den Begriffen path dependence und Lock-in beschrieben: Nationale Räume können sich entlang technologisch-sozialer Pfade (Trajektorien) bewegen, die starke Attraktoren aufweisen und es unmöglich machen, diese Pfade zu verlassen. Solche Attraktoren können für nationale Räume optimal sein, diese aber auch in ungünstige Situationen einsperren. Innovationspolitisch kommt es deshalb nicht allein auf den Output Nationaler Innovationssysteme allgemein, sondern auch auf die damit verbundenen Potenziale zur Aufschließung (unlocking) bereits existenter Entwicklungspfade an. , Michael Porter hat zusammen mit Claas van der Linde (1995a,b) auf die Chancen hingewiesen, die ein Greening des nationalen Innovations- und (daraus folgend) des Produktionssystems zur Steigerung internationaler Wettbewerbsfähigkeit erzeugen kann. Wir haben in unserer Untersuchung diese Behauptung aufgenommen, freilich nicht als gesichertes Wissen vorausgesetzt, sondern sie zum Gegenstand der Analyse gemacht. Unser Ausgangspunkt ist die These: Das Projekt einer ökologischen Modernisierung, gefasst als Übergang zu einem Pfad nachhaltiger Entwicklung (Petschow/Hübner et al. 1998), erfordert genau das skizzierte Spektrum von Innovationen. Es geht hierbei weniger um die Auswechslung einzelner Komponenten eines etablierten Entwicklungspfades als vielmehr um die Wahl eines neuen Entwicklungspfades mit anderen Komponenten oder teilweise auch mit alten Komponenten, die nun aber eine ganz andere Wertigkeit haben (Windrum 1999). Dieser Übergang ist nur möglich, wenn Produzenten wie Konsumenten sich von dem neuen Entwicklungspfad -netto gesehen- Vorteile versprechen. Wenn es richtig ist, was wir in Einklang mit diesem Zweig der Literatur vermuten, dass Innovationen im Allgemeinen und innovatorisch induzierte Pfadwechsel im Speziellen wesentlich von den Nationalen Innovationssystemen gesteuert und produziert werden, dann ist es nur folgerichtig, die analytische Aufmerksamkeit auf diese institutionelle Matrix zu richten. Innovationen, die zu einem Pfadwechsel in Richtung nachhaltiger Entwicklung beitragen, haben entsprechende Veränderungen im Innovationssystem (Greening) zur Voraussetzung. Dies gilt umso mehr, da sie ohne ein solches Greening aufgrund der mit ihnen verbundenen größeren positiven Externalitäten Gefahr laufen, im Selektionsprozess den traditionellen Technologien und Lösungen zu unterliegen (Linscheidt 1999).

1.3 Untersuchungsdesign und Vorgehensweise

Unsere Untersuchung der Ökologisierung des Innovationssystems, begriffen als wesentlicher Bestandteil einer ökologischen Modernisierung der bundesdeutschen Volkswirtschaft unter den Bedingungen ökonomischer Globalisierung, weist eine ganze Reihe von Besonderheiten auf. Zum ersten handelt es sich um ein Projekt, das sich bemüht, theoretische Einsichten in ökonomische Zusammenhänge zwischen Innovationen, nationalen Innovationssystemen, internationaler Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und ökologischem Pfadwechsel empirisch auszuloten. Der Bezug auf die neueren Ansätze in der ökonomischen Wachstumstheorie mit ihrer Betonung von Wissen wird mit der jüngeren Literatur zu Nationalen Innovationssystemen verknüpft. Auf diese Weise wird der makroökonomische Zugang gleichsam institutionalistisch unterfüttert. Zum zweiten handelt es sich auch um ein empirisch angelegtes Projekt, das methodisch nicht nur auf Literaturanalysen und Experteninterviews zurückgreift, sondern zudem versucht, auf der Basis statistischer Daten theoretische Zusammenhänge zu messen und zu testen. Mit der Konzentration auf weltmarktintegrierte Sektoren und damit auf die exportseitig gefasste internationale Wettbewerbsfähigkeit führen wir eine Mesoebene in die Untersuchung ein. Zum dritten spielt die wirtschaftspolitische Komponente eine zentrale Rolle: Wir versuchen, dem Gestaltungs- und Steuerungsmoment ökonomischer Entwicklung gerecht zu werden. Viertens leistet unsere Studie einen Beitrag zur Diskussion über die Vereinbarkeit ökonomischer und ökologischer Zielsetzungen unter den restringierenden Bedingungen eines fortschreitenden ökonomischen Globalisierungsprozesses.

In Kapitel 2 und 3 findet sich eine ausführliche Darlegung des theoretischen Unterbaus der Untersuchung. In Abgrenzung zur ökonomietheoretischen orthodoxie in Gestalt der (neoklassischen) Allgemeinen Gleichgewichtstheorie wird ein Rahmen entworfen, der einerseits an Erkenntnisse der neueren Wachstumstheorie anknüpft und andererseits die institutionellen Komponenten ökonomischer Prozesse berücksichtigt. Entwickelt wird ein breites Verständnis des Konzeptes Nationaler Innovationssysteme, dass das komplexe Geschehen des innovatorischen Prozesses begreifbar machen soll. In Kapitel 3 wird dann die Brücke zu ökologischen Aspekten geschlagen und damit die Frage der Richtung von Inno-vationsprozessen näher untersucht. Insbesondere werden Chancen und Schranken für einen Pfadwechsel hin zu einem innovationsorientierten Modell ökologischer Nachhaltigkeit diskutiert. Mit der Verknüpfung des makro- und institutionenökonomischen Konzeptes Nationaler Innovationssysteme mit ökologischen Fragestellungen, die bisher - etwa im Rahmen der neoklassischen Umweltökonomie - überwiegend mikroökonomisch angegangen werden, betreten wir konzeptionell weitgehend Neuland. Die theoretische Analyse ist daher weitgehend explorativer Natur und bleibt notwendigerweise noch relativabstrakt.

Umso wichtiger ist es, solchermaßen gerüstet die skizzierten Konzepte empirisch mit Leben aufzufüllen, und zwar durch eine Analyse des deutschen Innovationssystems. Dies geschieht auf der Basis einer Literaturauswertung sowie von Experteninterviews. Kapitel 4 gibt zunächst einen Überblick über das bundesdeutsche Innovationssystem, seine wichtigsten Akteure sowie die zum Einsatz kommenden finanziellen Ressourcen. Zugleich wird das Gerüst vorgestellt, das dann in Kapitel 5 hilft, den Prozess des Greening des bundesdeutschen Innovationssystems seit den siebziger Jahren detailliert zu untersuchen.

In Kapitel 6 findet der anspruchsvolle Versuch statt, den Output und die Leistungsfähigkeit des bundesdeutschen Innovationssystems, insbesondere hinsichtlich eines Pfadwechsels in Richtung nachhaltiger Entwicklung, empirisch zu fassen. Hierzu werden mögliche Indikatoren diskutiert und, soweit möglich, auch empirisch berechnet. Dabei wird auch versucht, mittels statistischer Methoden die Zusammenhänge mit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit genauer zu prüfen. Dabei konzentrieren wir uns auf eine Kerngruppe ausgewählter Sektoren. Die Diskussion der Forschungslage wie die eigenen statistischen Analysen liefern freilich recht uneinheitliche und - mit Blick auf den Greening-Prozess - insgesamt wenig zufriedenstellende Ergebnisse. Obwohl die Möglichkeit eines positiven Zusammenhangs zwischen Greening und Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit auf der Basis unserer Befunde keineswegs zurückzuweisen ist, lässt sich diese mit üblichen statistischen Methoden (zumindest auf sektoraler Ebene und bezogen auf Daten für die 70er bis 90er Jahre) nicht methodisch befriedigend belegen. Hierfür ist neben den immanenten Grenzen quantitativ-statistischer Verfahren insbesondere die Diskrepanz zwischen den hierfür zu erfüllenden Datenanforderungen und den tatsächlich verfügbaren Daten und Zeitreihen verantwortlich.

Diese Erkenntnis, aber auch die Vermutung, dass angesichts der Komplexität des Greeningprozesses, die wir am Schluss von Kapitel 6 mittels einer dreistufigen Systematisierung prägnant zu erfassen versuchen, eine stärker disaggregierende Fallstudie zusätzliche Erkenntnisse über die Bedingungen für Pfadwechsel liefern könnte, haben uns veranlasst, unseren empirischen Zugang durch eine qualitative Analyse zu komplettieren (Kapitel 7). Entschieden haben wir uns für die Automobilbranche. Zwei Gründe waren letztlich für diese Wahl verantwortlich. Erstens: Die deutsche Automobilindustrie ist eine stark weltmarktintegrierte und innovationsstarke Branche mit ausgeprägter internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich zählt das Automobil zu den wichtigsten Lieferanten ökologischer Degradation. Ansätze eines ökologischen Pfadwechsels unter Teilhabe der Akteure dieser Branche hätten eine gesellschaftliche Sogwirkung. Diese Fallstudie stützt sich auf eine ganze Reihe von Experteninterviews sowie auf die Auswertung einschlägiger Untersuchungen. Kapitel 8 präsentiert schließlich den schwierigen Versuch, die Chancen und Grenzen von Greening-Strategien auf allgemeinerer Ebene wirtschaftspolitisch zu diskutieren.