Hochschulen im Umbruch - Umstellung auf Bachelor & Master schreitet voran
Die deutsche Hochschullandschaft befindet sich seit einiger Zeit im Umbruch. Nicht nur Sparzwänge, Leistungsorientierung und Exzellenzdiskussion beschäftigen die Hochschulen, sondern vor allem auch die Umstellung der Studiengänge auf ein mehrstufiges System. Statt Diplom, Magister oder Staatsexamen soll es nach dem Willen von insgesamt 40 Ländern, die sich dem Bologna-Prozess angeschlossen haben, nur noch die Abschlüsse Bachelor (BA) und Master (MA) sowie darauf aufbauend die Promotion geben.
In den meisten der am Bologna-Prozess beteiligten Länder gab es ohnehin gestufte Hochschulabschlüsse. Außer dem bekannten Bachelor und Master des angelsächsischen Hochschulraums wird z. B. in Frankreich in Licence und Maîtrise unterschieden. Nur wenige Länder mussten eine Stufung erst einführen. Dies waren z. B. Italien, Griechenland sowie Österreich und Deutschland.
Trotz erheblicher Widerstände in der Anfangsphase und teilweise noch andauernder Diskussionen in Einzelbereichen, wie z. B. in den Ingenieurwissenschaften und der Lehrerausbildung, ist die Umstellung in Deutschland inzwischen weit vorangeschritten. Deutschlandweit wurden rund 3.800 BA-/MA-Studiengänge eingeführt, darunter sind rund 2.100 Bachelor- und rund 1.700 Masterstudiengänge*. Damit führten im Wintersemester 2005/06 bereits 34 % aller in Deutschland angebotenen Studiengänge zu einem Bachelor- oder Masterabschluss. Bei den Wirtschaftswissenschaften sind es sogar 49 %.
Der zwischenzeitlich bereits erreichte Stand bei der Transformation der Studiengänge ist als ein großer Erfolg anzusehen, gab es doch reichlich Verwirrung um das "Ob" und "Wie" der Umstellung. Als sehr hilfreich erwiesen sich in diesem Zusammenhang die Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK).
Vorgaben für die Einführung gestufter Abschlüsse
Um eine gewisse Einheitlichkeit bei der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen in Deutschland zu gewährleisten, legte die KMK in ihren Strukturvorgaben 1999 folgende Eckpunkte fest:
- BA/MA-Studiengänge können sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen eingerichtet werden - das heißt, einheitliche Abschlüsse unabhängig von der Hochschulart
- BA- und MA-Studiengänge einer Studienrichtung müssen nicht gleichzeitig an einer Hochschule angeboten werden, d. h. eine Hochschule kann z. B. auch nur einen Master oder nur einen Bachelor anbieten.
- Die Regelstudienzeit beträgt mindestens drei und höchstens vier Jahre für BA, mindestens ein und höchsten zwei Jahre für MA. Die Gesamtstudiendauer darf höchsten fünf Jahre betragen.
- Grundsätzlich können 60 ECTS-Credits pro Jahr erreicht werden - der Masterabschluss setzt somit den Erwerb von insgesamt 300 Credits voraus.
Ursprünglich wurden die BA- und die MA-Studiengänge in stärker anwendungs- und stärker theorieorientiert unterschieden. Inzwischen wurde die Unterscheidung für den Bachelorbereich aufgegeben, für den Masterbereich wurde sie beibehalten.
Studienreform im Zuge der Umstellung
Die Einführung der neuen Abschlüsse darf sich nicht in einer reinen Umbenennung erschöpfen. Sowohl hinsichtlich der Studienorganisation als auch der Inhalte sind Umstellungen erforderlich. Bei der Studienorganisation geht es vor allem um eine höhere Flexibilität des Studienangebots und damit um bessere Wahlmöglichkeiten für die Studierenden. Dazu gehört auch die Modularisierung, d. h. die Zusammenfassung von Stoffgebieten zu thematisch und zeitlich abgerundeten, in sich abgeschlossenen und mit Leistungspunkten (Credits) versehenen abprüfbaren Einheiten. Die Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) Berlin, die im Folgenden als Beispiel herangezogen werden soll, hatte die Modularisierung der Studiengänge, studienbegleitende Prüfungen und die Vergabe von Leistungspunkten bereits in den Diplomstudiengängen umgesetzt, so dass schon Vorarbeiten geleistet worden waren.
Strukturell sind an der FHW Berlin die konsekutiven Studienangebote in ein 7-semestriges Bachelor- und ein 3-semestriges Masterstudium gegliedert, daneben gibt es auch 6-semestrige Bachelorangebote. In dem Format von sieben Semestern ist auch ein Praxissemester enthalten, bei den 6-semestrigen Angeboten handelt es sich um duale Studienangebote, bei denen Theorie- und Praxisphasen sich abwechseln. Das Ziel der Berufsqualifizierung, hier allerdings auf einen vorhersehbaren Zeitraum und in Verbindung mit dem Ziel des Lebenslangen Lernens verstanden, erfordert erhebliche Anstrengungen nicht nur bei der Studienorganisation, sondern vor allem auch bei den Studieninhalten. Eine bloße Verlängerung des Grundstudiums dürfen Bachelorstudiengänge daher nicht sein.
In den Bachelorstudiengängen der FHW Berlin, die diesbezüglich weitgehend dem üblichen Standard in den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen entsprechen, werden die einzelnen Lehrveranstaltungen (Module) sechs übergreifenden Studieneinheiten zugeordnet. Dies sind die Studieneinheiten Kern, Vertiefung, Instrumente, Schlüsselqualifikationen, Abschlussarbeit und Praxis. Das Kernstudium bildet die Basis der Wissensvermittlung, es enthält die für das Studienziel unverzichtbaren Lehrveranstaltungen , z. B. die Grundlagen der BWL, der VWL, des Rechts und der Gesellschaftswissenschaften. Zusätzlich können die Studierenden zwei Vertiefungen wählen. Dies kann beispielsweise Marketing, Finanzierung, Steuern oder Personal und Organisation sein. Hinzu kommen Lehrveranstaltungen aus den Bereichen "Instrumente", d. h. Hilfswissenschaften wie Mathematik oder Statistik, und "Schlüsselqualifikationen" (Soft Skills und Fremdsprachen). Das Praxissemester bzw. die dazwischen liegenden Praxisphasen sind weiterhin Bestandteil des Studiums.
Während das Bachelorstudium eher eine generalistische Qualifikation mit mäßiger Spezialisierung anstrebt, sind die Masterstudiengänge generell stärker auf Spezialisierung ausgelegt. Im Masterstudium wird nach den Studienbereichen Basisstudium, Spezialisierung und Abschlussarbeit unterschieden. Das Basisstudium (Kernstudium) macht rund 1/3 der Lehrveranstaltungen aus, alle anderen Lehrveranstaltungen dienen dem Spezialisierungsstudium.
Mit den neuen Studiengängen werden aber nicht nur formell international anerkannte Abschlussgrade mit dem Ziel einer verbesserten Kompatibilität angestrebt, darüber hinaus sollte gerade in den Wirtschaftswissenschaften die Internationalisierung selbstverständlich sein. An der FHW Berlin geschieht dies durch die internationale Ausrichtung der Studieninhalte, eine Fremdsprache als Pflichtfach sowie Fachunterricht, der zu einem erheblichen Teil in Englisch stattfindet. Im Bachelorbereich sind es darüber hinaus Theorie- und Praxissemester im Ausland, die maßgeblich zur Internationalität beitragen.
Qualitätssicherung bei Bachelor und Master
Die große Fülle an gleichartigen Studienabschlüssen, die bis zum Jahr 2010 flächendeckend eingeführt sein sollen, hat bereits in den vergangenen zwei Jahren für Skepsis bei den potenziellen Abnehmern der Absolventen aber auch bei den Studierenden gesorgt. Um diesen eine entsprechende Sicherheit zu geben und um sicher zu stellen, dass die Studienangebote der Hochschulen vergleichbar bleiben, ist ein Qualitätsmanagement unabdingbar. Dies umso mehr, als die Bachelor-/Masterstudiengänge nicht, wie die traditionellen Abschlüsse, den Rahmenordnungen von HRK und KMK unterliegen.
Die KMK hat daher bereits im Frühjahr 2002 ein länder- und hochschulübergreifendes Akkreditierungssystem eingeführt. Danach müssen alle BA/MA-Studiengänge im Hinblick auf die Qualität des Lehrangebots, die zu vermittelnden Qualifikationen und die vorhandene Ausstattung durch eine externe Agentur (z. B. FIBAA, ZEvA, AQAS) akkreditiert werden.
Die Akkreditierung bringt eine eher marktmäßige - im Unterschied zur traditionellen hoheitlichen - Koordinierung der Hochschulausbildung mit sich. Damit ist zugleich ein Wettbewerb unter den Hochschulen verbunden. Ob die Kriterien für einen Studiengang erfüllt sind, erfährt man allerdings erst mit der Akkreditierung, die meist nach der Aufnahme des Studiengangs erfolgt und einige Zeit in Anspruch nimmt. Im Zuge der Intensivierung des Wettbewerbs muss den Hochschulen also daran gelegen sein, ihre neuen Studiengänge möglichst schnell akkreditieren zu lassen, um potenziellen Studienbewerbern eine ausreichende Qualität zu signalisieren.
Dass die Akkreditierung ein relativ langwieriges, aufwändiges und nicht zuletzt teures Verfahren ist, hat die FHW Berlin schon bei ihren seit rund 14 Jahren bestehenden MBA-Studiengängen erfahren. Man kann davon ausgehen, dass von der Beantragung bis zum Abschluss des Verfahrens zwölf bis vierzehn Monate vergehen. Durch die Fülle der jetzt zu akkreditierenden Studienangebote wird sich die Wartezeit bis zum tatsächlichen Beginn der Verfahren aller Voraussicht nach deutlich verlängern. Hier sind intelligente und handhabbare Lösungen gefragt. Mit dem Übergang zur sog. Cluster- bzw. Systemakkreditierung, die nicht mehr jeden einzelnen Studiengang jeweils für sich überprüft, sondern vergleichbare Studiengänge an Hochschulen zusammenfasst, zeichnet sich hier eine Lösung ab.
Was wurde erreicht?
Ursprüngliches Ziel der Einführung einheitlicher Abschlüsse war die Schaffung eines einheitlichen Hochschulraums, dessen Abschlüsse kompatibel sind. Auf diesem Weg sind die Hochschulen ein gutes Stück vorangekommen. Auch die Akzeptanz der Studiengänge durch das Abnehmersystem ist deutlich gestiegen**. Noch offene Fragen gibt es bei den Masterstudiengängen, z. B. hinsichtlich der Proportionierung im Verhältnis zu den Bachelorstudiengängen. Welche Übergangsquote anzustreben ist, ist noch offen. In jedem Fall dürfte eine generelle Verlängerung des Studiums damit nicht beabsichtigt sein. Auch hängt die Akzeptanz der Masterstudiengänge gegenüber den Bachelorstudiengängen noch hinterher. Insgesamt wird die Umstellung von Bachelor und Master von den Hochschulen aber weit überwiegend nicht nur als eine Last, sondern als eine Chance zur umfassenden Studienreform begriffen. Unter diesen Voraussetzungen dürfte dem Erfolg des neuen Systems der Hochschulabschlüsse - internationale Anerkennung, jüngere Absolventen, Lebenslanges Lernen - nichts mehr im Wege stehen.
*Quelle: Hochschulrektorenkonferenz (Hrsg.), Statistische Daten zur Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen Wintersemester 2005/2006, Statistiken zur Hochschulpolitik 2/2005, Bonn 2005.
**Vergleiche Müller-Böling, Detlef: Bachelor und Master kommen. In: bdvb-aktuell, Heft 89, III/2005, S. 25
Der Text wurde veröffentlicht in bdvb aktuell 2/2006


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