Home >  HWR Berlin > Leitung    

Nach der Wiederwahl: Zwischenbilanz und Vorhaben für die nächsten Jahre

Am 21. Oktober 2004 fanden die Wahlen zum Rektorat der FHW Berlin statt. Die bisherigen Amtsinhaber wurden wiedergewählt, so dass dann auch ab 16. November - wie schon bisher - das Amt des Ersten Prorektors von Prof. Tolksdorf und das Amt des Rektors von mir wahrgenommen werden wird. Dies ist eine gute Gelegenheit, auf Erreichtes zurückzublicken und auf die zukünftigen Aufgaben einzugehen.

 

Erfolge der letzten Jahre

Die FHW Berlin kann auf eine erhebliche interne und externe Wachstumsphase zurückblicken. Soweit es das interne Wachstum des Fachbereichs 1 "Wirtschaftswissenschaften" (die FHW-alt) betrifft, ist die Zahl der Studienplätze in den letzten vier Jahren von knapp 2.000 auf 2.700 gestiegen. Dementsprechend gibt es derzeit im Fachbereich 1 rund 80 Professoren, während es vor vier Jahren noch knapp 60 waren. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Mitarbeiter von knapp 50 auf über 60 gestiegen. Der größte Wachstumsschub wurde aber durch externes Wachstum aufgrund der Eingliederung der Berufsakademie in die FHW Berlin erreicht. Dadurch sind rund 1.500 Studienplätze, rund 50 Professorenstellen und 30 Mitarbeiter hinzugekommen, so dass sich die FHW Berlin jetzt mit rund 4.800 Studierenden, 130 Professuren und rund 90 Mitarbeitern nahezu verdoppelt hat.

 

Das schiere Größenwachstum ist sicherlich ein Erfolg, doch wäre es wenig beachtenswert, wenn damit nicht zugleich eine Steigerung der Qualität erreicht wird. Den Empfehlungen verschiedener Expertenkommissionen folgend, darunter der Wissenschaftsrat, die Expertenkommission für Betriebswirtschaftslehre im Land Berlin und die ZEvA, hat die FHW Berlin in den letzten Jahren systematisch die Ausweitung des Fächerspektrums in Angriff genommen und die Internationalisierung weiter vorangetrieben. Beispiele dafür sind die Einführung eines volkswirtschaftlichen (BA/MA) und des deutsch-französischen Studiengangs. Auch der in der Vergangenheit im Fachbereich 1 begonnene Weg, duale Studiengänge anzubieten, hat mit der Eingliederung der Berufsakademie als zweitem Fachbereich der FHW Berlin einen Aufschwung erfahren, der bei einer peu-a-peu-Strategie nicht zu erreichen gewesen wäre. Durch die Eingliederung der Berufsakademie sind über die wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge hinaus nun auch drei ingenieurwissenschaftliche Studiengänge an der Hochschule verankert.

 

Was die Zukunft bringen soll

Der Ausbau von einem mehr oder weniger EinProdukt-Unternehmen zu einem stark differenzierten Full-line-Anbieter wirtschaftswissenschaftlicher Angebote soll auch in Zukunft fortgesetzt werden. So soll, die Bewilligung durch den Strukturfonds vorausgesetzt, in Kürze ein wirtschaftsjuristischer Studiengang aufgenommen werden.1 Ein besonders weitreichendes Vorhaben ist der Aufbau eines dritten Fachbereichs, in dem Angebote auf dem Gebiet der Informatik und Dokumentationswissenschaft gebündelt werden sollen (siehe dazu auch den Beitrag von J. Kunze Semesterjournal 2/2004).

 

Mittelfristig soll die Einführung von politikwissenschaftlichen Angeboten (International Political Economy) in Angriff genommen werden. Für dieses Vorhaben konnte unsere Amsterdamer Partnerhochschule gewonnen werden, so dass sich hier die Ausweitung des Fächerspektrums und die Internationalität auf vortreffliche Weise verbinden könnten.

 

Das Angebot an ausschließlich gebühren- und drittmittelfinanzierten Weiterbildungsstudiengängen, das die FHW Berlin bereits in den frühen 90er Jahren aufgenommen hat, hat mit fünf MBA-Studiengängen und zwei Zertifikatsstudiengängen mit insgesamt fast 300 Studierenden eine beachtliche Größe erreicht. Vor kurzem ist auf Initiative der ILO (International Labour Organisation) ein weiterer Masterstudiengang hinzugekommen (siehe auch den Beitrag von A. Fleck Semesterjournal 2/2004). Bei dem erreichten Stand kann die Weiterbildung nur noch sehr selektiv und auf die Bedürfnisse spezieller Abnehmergruppen zugeschnitten ausgebaut werden. Eine vielversprechende Entwicklung bahnt sich im Fachbereich "Berufsakademie" mit der Einführung dualer Weiterbildungsstudiengänge an.

 

Studienreform durch Bachelor und Master

Es geht aber in der nahen Zukunft nicht nur um die Entwicklung neuer, sondern auch um die Reform der bestehenden Studiengänge, hier vor allem um die Umstellung auf die neuen Abschlussgrade (BA- und MA-Abschlüsse). Es gibt im Fachbereich "Wirtschaftswissenschaften" der FHW Berlin bereits BA- und MA-Studiengänge, und im Fachbereich "Berufsakademie" sind die Studiengänge komplett auf das Bachelorformat umgestellt. Allerdings ist der größte Studiengang der FHW Berlin, der Diplomstudiengang "Wirtschaft", noch nicht vollständig transformiert. Die inhaltliche Ausfüllung der BA- und MA-Studiengänge und ihr Verhältnis zueinander sowohl in inhaltlicher als auch in quantitativer Hinsicht sind Fragen von grundsätzlicher Bedeutung bei der Umformung des Studiengangs "Wirtschaft". Die FHW Berlin hat sich bewusst für ein Format von sieben Semestern und gegen sechs Semester entschieden. Aber auch hier stellt sich die schwierige Frage, was von den bewährten Qualitätsmerkmalen des Studiums, wozu die multidisziplinäre Ausbildung und die Internationalität gehören, in das neue System übernommen werden kann. Die FHW Berlin wird sich vermutlich gegen eine allzu frühe Spezialisierung und für eine eher generalistische Ausbildung entscheiden. In jedem Fall muss die Ausbildung polyvalent sein, also sowohl dem Erfordernis der Berufsqualifizierung als auch den theoriegeleiteten Ansprüchen Rechnung tragen.

 

Neue Organisation der Hochschule

Mit der rein akademischen Seite sind die anstehenden Aufgaben nur unvollkommen beschrieben. Die Strategien der letzten Jahre bedürfen einer organisatorischen Antwort. Eine definitive organisatorische Lösung, für die nach der Eingliederung der Berufsakademie zwecksmäßigste Organisation ist noch nicht gefunden. Zur Zeit werden von der HIS (Hochschul-Informations-System) GmbH dafür Vorschläge erstellt. Die organisatorischen Lösungen sollen sich am Prinzip der Subsidiarität orientieren, was in der Hochschule auf breiten Konsens stößt. Allerdings muss die Umsetzung dieses Prinzips noch im Einzelnen geklärt werden. Die Weiterbildungsstudiengänge sollen in Zukunft aus dem Fachbereich "Wirtschaftswissenschaften" entlassen und in ein Zentralinstitut, das beiden Fachbereichen zugeordnet ist, überführt werden. Diese organisatorische Aufgabe ist weniger komplex als die der Zusammenführung der Berufsakademie und der FHW-alt, doch sind auch hier noch einzelne Fragen offen.

 

Eine weitere Aufgabe für die nahe Zukunft sind räumliche Fragen, die aus dem internen Wachstum der FHW-alt und der Eingliederung der Berufsakademie erwachsen. Mit der Aufstockung der Seitenflügel werden die Raumprobleme der FHW-alt zu einem erheblichen Teil, aber nicht vollständig gelöst, so dass auch hier neue Anstrengungen zu unternehmen sind. Vor allem aber sollte die Distanz der Standorte des Fachbereichs "Wirtschaftswissenschaften" und des Fachbereichs "Berufsakademie" merklich verringert oder gar aufgehoben werden. Dies nicht nur aus praktischen Gründen, sondern vor allem zur Herstellung einer größeren Durchlässigkeit zwischen den Fachbereichen und einer gemeinsamen Unternehmenskultur.

 

Der hier unterbreitete Entwicklungspfad sieht am Ende eine Hochschule vor, die ein vielfältiges, im Kern aber nach wie vor wirtschaftswissenschaftliches Angebot bereithält, deren Zentralinstitut und die drei Fachbereiche ihre Aufgaben in eingebetteter Autonomie wahrnehmen, an einem Standort zusammengeführt sind und eine ähnlich starke gemeinsame Unternehmenskultur aufweisen, wie sie heute für die jeweiligen Fachbereiche isoliert besteht.

 

Der Autor
Prof. Dr. Franz Herbert Rieger