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Was die Bildungsplaner ignorierenZur Zukunft der Fachhochschulen im Hochschulsystem

Das deutsche Hochschulsystem ist maßgeblich geprägt durch die Unterscheidung in Universitäten und Fachhochschulen. Zu Beginn des Jahres 2006 gab es in Deutschland insgesamt 379 Hochschulen, darunter 177 Universitäten und vergleichbare Einrichtungen (z. B. Kunsthochschulen, pädagogische Hochschulen) und 202 Fachhochschulen (172 Allgemeine Fachhochschulen und 30 Verwaltungsfachhochschulen) [1]. Der Anteil der Fachhochschulen an den gesamten Hochschulen beträgt 53,3 %, ihr Anteil an den Studierenden beträgt 28,5 %. Es studiert damit ein gutes Viertel von den rund 2 Mio. Studierenden an einer Fachhochschule.

Erfolgsmodell Fachhochschule

Obwohl die Fachhochschulen erst Ende der 60er Jahre bzw. zu Beginn der 70er Jahre gegründet wurden, sind sie aus dem deutschen Bildungssystem nicht mehr wegzudenken und haben sich nach allen Maßstäben als Erfolgsmodell erwiesen. Zu diesen Maßstäben zählt z. B. die Studiendauer, die in der Regel kürzer als an Universitäten ist, ferner die Absolventenquote, die höher liegt als bei den Universitäten, die Berufsqualifizierung, die bei anwendungsorientierten Studiengängen leichter erreicht werden kann, die hohe Internationalität der Ausbildung, bei der die Fachhochschulen Vorreiter waren, und eine zügige Umstellung auf den Bologna-Prozess. So sind z. B. in den Fachhochschulen rund 60 % der Studiengänge auf das Bachelor- und Masterformat umgestellt, bei den Universitäten sind es rund 40 % [2]. Auch die Nachfrage nach Studienplätzen an Fachhochschulen ist unverändert hoch, so dass dann häufig auch jene, die sich für ein Studium an einer Fachhochschule entschieden haben, mehr oder weniger zwangsläufig an einer Universität studieren müssen.

Empfehlungen des Wissenschaftsrats gestern und heute

Der Wissenschaftsrat hat in seinen früheren Stellungnahmen die Leistungen der Fachhochschulen stets besonders gewürdigt und einen kontinuierlichen Ausbau dieses Hochschultyps gefordert, und zwar in qualitativer und quantitativer Hinsicht [3]. In qualitativer Hinsicht war damit die Erweiterung des Fächerspektrums gemeint; in quantitativer Hinsicht wurde ein Ausbau vorgeschlagen, der zu einem Anteil von 40 % an der Aufnahmekapazität aller Hochschulen in Deutschland führen sollte.

 

In den kürzlich erschienenen Empfehlungen des Wissenschaftsrates [4] wird diese Forderung nun fallen gelassen, allerdings nicht wegen irgendwelcher Vorbehalte gegenüber diesem Hochschultyp, sondern wegen des Versagens der Politik bei der Verfolgung der Ausbauziele. Allerdings trifft diese Kritik nicht in gleichem Umfang auf alle Bundesländer zu. So wurde z. B. im Land Berlin 2003 der Strukturfonds eingerichtet, mit dessen Hilfe der Aufbau von Studiengängen an Fachhochschulen systematisch vorangetrieben wird – in diesem Fall allerdings nicht durch einen Aufwuchs der entsprechenden Position des Landeshaushalts, sondern durch eine Umverteilung der Mittel von den Universitäten zu den Fachhochschulen. Es muss aber gesehen werden, dass der notwendige Ausbau der Fachhochschulen zur Deckung des Bedarfs an wissenschaftlicher Ausbildung insgesamt nicht realisiert wurde und auch künftig nicht realisiert werden wird.

 

Der Wissenschaftsrat schlägt für die Universitäten grundlegende Änderungen in Form einer Differenzierungsstrategie vor, und zwar zwischen den verschiedenen Universitäten und zwischen den Fachbereichen innerhalb einer Universität. Das Spektrum könnte dann von der reinen Lehruniversität bis zur Forschungsuniversität reichen. Angesichts einer solchen Entwicklung verliert die hergebrachte binäre Einteilung der Hochschulen in Universitäten und Fachhochschulen an Bedeutung. Nicht nur die Universitäten, sondern auch die Fachhochschulen sind damit aufgefordert, sich neu zu definieren und ihren Ort in der Hochschullandschaft zu bestimmen. Als Ergebnis dieses Differenzierungsprozesses dürften auch Überlappungen zwischen den beiden Hochschultypen zu erwarten sein, so dass dann die institutionellen Grenzen zwischen Universitäten und Fachhochschulen nicht mehr systembestimmend sind. Ein bedeutender Schritt in diese Richtung wurde mit der Einführung der neuen Abschlussgrade getan, wobei von beiden Hochschultypen sowohl stärker praxis- als auch stärker theorieorientierte Studiengänge angeboten werden können. Mit der formalen Gleichstellung ist es aber bei weitem nicht getan, es gibt Anzeichen dafür, dass diese von einigen Universitäten konterkariert werden könnte. Weit wichtiger ist die individuelle Profilbildung, wobei für Fachhochschulen die praxisnahe Ausbildung und die angewandte Forschung nach wie vor ein wichtiges Differenzierungsmerkmal sein dürften.

Ungleiche Wettbewerbsbedingungen

Die oft vergleichbaren Studienangebote und Forschungsleistungen beider Hochschularten werden bislang unter höchst unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen erbracht. Die hohe Lehrbelastung der Professorinnen und Professoren an Fachhochschulen, der fehlende Mittelbau und die insgesamt zu geringen Forschungsmöglichkeiten sind die wichtigsten Punkte, die einem fairen Wettbewerb zwischen den Hochschulen entgegenstehen. Insbesondere in der Forschung sind die institutionellen Grenzen nach wie vor nahezu unüberwindbar. Mit der zu begrüßenden Aufstockung der Fördermittel für Fachhochschulen durch die neue Bundesregierung kann dem dringenden Bedarf nur teilweise abgeholfen werden.

 

Vor allem aber sind die Fachhochschulen von der Exzellenzinitiative der Bundesregierung so gut wie ausgeschlossen. Es ist daher ein dringendes Erfordernis, einen Exzellenzwettbewerb für Fachhochschulen auszuloben. Diese Forderung wurde inzwischen auch von verschiedenen Parteien und vom Hochschullehrerbund (hlb) erhoben. Das für die Universitäten entwickelte Programm kann nicht ohne weiteres auf die Fachhochschulen übertragen werden. Es bedarf hier bestimmter Modifikationen, die den Rahmenbedingungen, unter denen die Fachhochschulen agieren, auch Rechnung tragen. Die Förderrichtlinien sollten sich selbstverständlich wie bei den Universitäten auf die Forschungsförderung (die Bildung von Exzellenzclustern), darüber hinaus aber auch auf die internationale Ausrichtung des Studiums, die Entwicklung neuer Studiengänge, die die traditionelle bestehende disziplinäre Zuordnung überschreitet, und auf die Förderung von Netzwerken zwischen den Hochschulen erstrecken.

 

Bereits beim Exzellenzwettbewerb der Universitäten fühlten sich die kleinen Universitäten benachteiligt. Da die Fachhochschulen in der Regel eine geringere Größe als Universitäten aufweisen, was sich auch in den eingangs erwähnten Zahlen widerspiegelt (53 % aller Hochschulen aber nur 28,5 % der Studierenden), ist hier dem Netzwerkgedanken hohe Priorität einzuräumen, denn die Breite und Tiefe eines Faches sowie die Differenzierung in die verschiedenen Teildisziplinen setzen eine gewisse Mindestgröße voraus. Zum Teil bestehen auch schon solche Netzwerke, wie z. B. das der UAS7-Hochschulen (Universities of Applied Sciences 7), das die Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, die Hochschule Bremen, die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg und die Fachhochschulen Köln, München, Münster sowie Osnabrück umfasst.

 

In welcher Form auch immer sich die Neuaufstellung der Fachhochschulen ereignet, ob in hochschulübergreifenden Verbünden oder in eigenständigen Hochschulen neuer Prägung, der zunehmende Wettbewerb unter den Hochschulen erfordert einen Nachteilsausgleich, der vorläufig noch an die tradierten institutionellen Grenzen zwischen den beiden Hochschularten anknüpfen muss und in folgenden Schritten eine hochschultypübergreifende Profilbildung unterstützt.

 

Prof. Dr. Franz Herbert Rieger

 

 

[1] Quelle: Statistisches Bundesamt: Hochschulstandort Deutschland 2005, Wiesbaden 2005

[2] vgl. Gillmann, Barbara: Bachelor setzt sich nur schleppend durch, Handelsblatt vom 11.10.2006, S. 8

[3] vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur Entwicklung der Fachhochschulen, Köln 2002, Teil A

[4] vgl. Wissenschaftsrat: Empfehlungen zur künftigen Rolle der Universitäten im Wissenschaftssystem, Köln 2006

 

Der Artikel ist zugleich erschienen in: DSWJournal 01/2006