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Marktstrategien ambulanter Pflegedienste

Juni 2017

Das Forschungsprojekt „Berliner Forum ambulanter privater Pflegedienste – Unternehmerische Akteure im Gesundheitssektor zwischen Wirtschaftlichkeit und guter Pflege“ an der HWR Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Claudia Gather und Prof. Dr. María do Mar Castro Varela orientierte sich an der Frage, ob es einen Konflikt zwischen unternehmerischer Effizienz einerseits und fachlich-pflegerischen Standards andererseits gibt und wie sich dieser ggf. im Alltag von ambulanten Pflegeeinrichtungen auswirkt.

 

Als zentrales Ergebnis des Projekts kann eine Vielfalt von  strategischen Optionen  und Unternehmensausrichtungen  festgestellt werden,  um Wirtschaftlichkeit zu erreichen. Der Konflikt zwischen Fürsorge und Markt wird, wie eine empirische  Erhebung zeigt, durch Professionalisierungsstrategien in der Praxis entdramatisiert. Ersichtlich wurde diese Vielfalt auch im Leistungsmix anhand der Umsatzprofile.

Folgende Profile lassen sich anhand der Daten ausmachen:

  •  Strategie „Pflege only“: Bei einem Drittel der Betriebe stehen reine Pflegeleistungen nach SGB XI im Zentrum. Hier stellen die Pflegekassen als Kostenträger in Verbindung mit den Sozialämtern (Hilfe zur Pflege) die zentralen Pfeiler zur Umsatzgenerierung dar. Dagegen haben Krankenkassenleistungen (SGB V) einen nur sehr geringen Anteil (< 15 %) am Umsatz.

  • Strategie „medizinische Spezialisierung“: Bei einem anderen Drittel der Betriebe haben Krankenkassenleistungen einen höheren Anteil am Gesamtumsatz als Pflegeleistungen nach SGB XI. Dies deutet auf eine Spezialisierung der Betriebe auf medizinische Pflegeleistungen hin (bspw. gerontopsychiatrische Leistungen) und deckt sich mit den oben genannten Befunden zum teilweise recht hohen Anteil des examinierten Personals in gut einem Drittel der Betriebe.

  • Bei einem weiteren Drittel der Befragungsteilnehmer stehen die über die Krankenkassen und die über die Pflegekassen finanzierten Leistungen in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Für diese Gruppe ließe sich von der Marktstrategie des „ausgewogenen Mixes“ sprechen.

  • Aus den beiden Gruppen mit umfänglichen Krankenkassenleistungen speist sich wiederum eine vierte Teilgruppe, die insgesamt 36 % der Betriebe umfasst, bei der das Sozialamt als Kostenträger eine nur untergeordnete Rolle spielt (< 15 % am Gesamtumsatz).

 

Die Umsatzprofile informieren über die ökonomischen Strukturen der ambulanten Pflegedienste. Andere Strategien der Marktplatzierung wie die Ansprache spezifischer kulturell-ethnisch oder religiös definierter Patientengruppen können über die Umsatzprofile zwar nicht erfasst werden, anhand der qualitativen Erhebung konnten jedoch unterschiedliche unternehmerische Strategien, auf das große aktuelle Problem der Personalknappheit zu reagieren, identifiziert werden. Zur Mitarbeiterbindung eingesetzt werden verschiedene Formen von Gratifikationen, Maßnahmen zur Teamkommunikation, Techniken und administrative Mittel zur Rationalisierung betrieblicher Abläufe sowie Maßnahmen zur Weiterbildung.

 

Angesichts der starken Bedeutung der institutionellen Regulierung und der Einheitlichkeit der Kostensätze verbleibt wenig Spielraum für dezidiert marktbezogene Strategien. Als deutlich sichtbare Marktstrategien können vor allem die spezialisierten Leistungsangebote  (Pflegemix, kulturspezifische Pflege, besondere Patientengruppen) angesehen werden, die in ihrer Differenzierung die Vielfältigkeit innerhalb der Berliner Pflegelandschaft abbilden.

 

Private ambulante Pflegedienste, so hat sich gezeigt, gehen routiniert mit den Flexibilitätserfordernissen in der  ambulanten Versorgung Pflegebedürftiger um. Sie verfügen über professionelle Standards, z.B. dafür, wie mit Notfällen umzugehen ist. Der im öffentlichen Diskurs laut gewordene Vorwurf eines Vorrangs der Profitorientierung der ambulanten privaten Dienste zulasten der Patientensorge kann nicht bestätigt werden: „Da interessiert kein Dienstplan, es ist unsere Pflicht und unser Beruf“ (Online-Befragung).

 

Claudia Gather, Lena Schürmann, Susan Ulbricht, Heinz Zipprian