Neuigkeit | Interview

»Den Wandel der Gesellschaft verstehen«

Fragen an Prof. Dr. Andreas Zaby, Präsident der HWR Berlin, zur Bedeutung von Geschichtsaufarbeitung an der Hochschule.

15.10.2019

Prof. Dr. Andreas Zaby, Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht
Prof. Dr. Andreas Zaby, Präsident der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin; Foto: Werner Hallatschek

Die HWR Berlin ist noch relativ jung. Ihre Entstehung geht, wie die Geschichte fast aller deutschen Fachhochschulen, auf die frühen 1970er Jahre zurück. Bevor es die HWR Berlin gab, standen jedoch schon längst die Gebäude, in denen sie untergebracht ist: Die Gebäude am Campus Lichtenberg sind in den 1980er Jahren und am Campus Schöneberg in den 1930er Jahren entstanden. Alle Gebäude wurden in verschiedenen anderen Kontexten genutzt, bevor sie für Wissenschaft, Lehre und Forschung gebraucht wurden. In der Geschichte der Gebäude spiegelt sich die wechselvolle deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre wider.

Herr Zaby, die HWR Berlin setzt sich auf unterschiedliche Art und Weise mit der Geschichte der Gebäude und Standorte auseinander.

Welche Rolle spielt die Erinnerung für die Gegenwart?

Im Leitbild der HWR Berlin heißt es: „Unserer Wertorientierung entsprechend sind wir uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst.“ Und tatsächlich war und ist die HWR Berlin eine gesellschaftspolitisch engagierte Hochschule – und das ist gut so. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist eine Voraussetzung, um gesellschaftlichen Wandel zu verstehen. Wir müssen uns also erinnern, wenn wir die Gesellschaft, in der wir heute leben, interpretieren und wenn wir zu ihrer Gestaltung einen Beitrag leisten wollen.

Wie entstand die Idee, eine Gedenktafel am Campus Schöneberg zu errichten?

Die Inspiration kam durch die ausgezeichneten Formen des Gedenkens im Bezirk Schöneberg-Tempelhof, insbesondere durch die „Orte des Erinnerns“ im Bayerischen Viertel rund um unseren hiesigen Campus. Unser Campus war hingegen ein „weißer Fleck“. Es war für die Hochschulangehörigen und die Öffentlichkeit nicht ersichtlich, was sich während der NS-Zeit im größten Gebäude des Campus befand, dem Haus B in der Badenschen Straße 50-51. Von der dort angesiedelten Abteilung Kriegsgefangenenwesen des Oberkommandos der Wehrmacht ist so viel Unrecht und so viel Leid ausgegangen. An diese schreckliche Geschichte des Hauses muss erinnert werden. 

Welche Aktivitäten sind am Campus Lichtenberg geplant?

Neben der Enthüllung der Gedenktafel im Haus B, die auf einer wichtigen geschichtswissenschaftlichen Arbeit von Prof. Dr. Dorothea Schmidt aus dem Jahr 2004 beruht, haben wir weitere historische Forschungsprojekte initiiert. Das Buch „Die Kraft der deutschen Erde – Das Bier im Nationalsozialismus und die Hauptvereinigung der Deutschen Brauwirtschaft in Berlin-Schöneberg“ von Dorothea Schmidt beleuchtet die Geschichte des Hauses A in der Badenschen Straße 52 und ist bereits publiziert. Es wurde der Hochschulöffentlichkeit am 7. Oktober 2019 in einer sehr gelungenen Vortags- und Diskussionsveranstaltung vorgestellt. Weitere Werke und entsprechende Veranstaltungen zu deren Vorstellungen sollen zur Geschichte des Campus Lichtenberg und des angrenzenden Areals erfolgen. Derzeit wird die Geschichte der dort seinerzeit angesiedelten Stasi-Bezirksverwaltung Berlin erforscht und auch zum ehemaligen Gestapo-Durchgangslager im heutigen Tierpark läuft ein Projekt. Ich hoffe, dass es uns gelingen wird, die jetzt entstehenden Publikationen auch in regelmäßigen Abständen im Rahmen der Lehre zu nutzen.

Warum ist diese Auseinandersetzung wichtig für die Hochschule?

Wir haben gegenüber unseren Studierenden einen über die Vermittlung von Fachwissen hinausgehenden Bildungsauftrag. Daher wollen wir unseren Studierenden – und selbstverständlich auch allen Kolleginnen und Kollegen – Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen darüber ermöglichen, was in der Geschichte in unseren Räumen geschah. Damit ist die Hoffnung verbunden, eine tiefe Wertschätzung für die Freiheiten unserer pluralistischen Demokratie ebenso zu entwickeln wie eine Widerstandsfähigkeit gegen totalitäres Gedankengut in unserem Land. Mein persönliches Anliegen: Vielleicht können wir durch die genannten Maßnahmen in Forschung und Lehre einen Beitrag leisten, um die junge Generation gleichsam zu immunisieren gegen wiederaufkeimenden Rechtsextremismus und Antisemitismus.