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Politeia-Preis 2020 geht an Denise Verch

Die Politeia-Auszeichnungen für das Jahr 2020 würdigen die Arbeiten von vier Studentinnen der HWR Berlin zu aktuellen Fragestellungen aus den Themenbereichen Gender und Diversity.

28.04.2021

Grafische Darstellung von Frauen verschiedener Ethnien, die im Profil zu sehen sind. Grafik: © Atlas Studio/ iStock / Getty Images Plus
Hervorragende Hausarbeiten, Projektarbeiten oder Abschlussarbeiten: Der Politeia-Preis der HWR Berlin ist mit 1.000 Euro dotiert, zusätzlich werden bis zu drei Politeia-Medaillen verliehen. Grafik: © Atlas Studio/ iStock / Getty Images Plus

Mit dem Politeia-Preis prämiert die HWR Berlin seit 2001 die besten studentischen Arbeiten aus den Themenbereichen Frauen- und Geschlechterforschung. Im Jahr 2020 wurden über 20 Arbeiten zu vielfältigen Themen eingereicht. Diese große Auswahl machte es der Auswahlkommission nicht leicht. Die Entscheidung fiel auf vier besonders herausragende Arbeiten, die für den Politeia-Preis und drei Politeia-Medaillen ausgewählt wurden.

Politeia-Preisträgerin 2020 ist Denise Verch

Der Politeia-Preis 2020 geht an Denise Verch, Absolventin des Bachelorstudiengangs Economics. In ihrer herausragenden Bachelorarbeit „Ökonomisches Empowerment von Frauen in Indien. Die Rolle der Mikrofinanzierung“ analysiert sie die Möglichkeiten und Grenzen des Empowerments von Frauen in ländlichen Regionen in Indien.

Sie untersucht insbesondere die Selbstorganisation von Frauen in sogenannten „Selfhelp groups“ und den Einfluss von Mikrofinanzierungen in Hinblick auf eine langfristige Unterstützung und Risiken wie die Gefahr einer Verschuldung und einer zunehmenden Kommerzialisierung. Prof. Dr. Christina Teipen und Prof. Dr. Dorothea Schmidt betreuten die Arbeit mit einschlägig frauen- und entwicklungspolitischem Inhalt im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften.

Drei Studentinnen mit Politeia-Medaillen ausgezeichnet

Die Absolventin des Bachelorstudiengangs Öffentliche Verwaltung, Jennifer Captuller, erhielt für ihre Bachelorarbeit „Geschlechtertheorien als Erklärungsansatz für ungleiche Verteilung der Sorgearbeit von Frauen“ eine der Politeia-Medaillen 2020. Sie beschäftigt sich mit der Frage, welchen Einfluss Geschlechtertheorien auf die Verteilung der heutigen Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen in Deutschland haben. Ihre theoretische Analyse zu den Ursachen des Gender Care Gaps ist insbesondere durch die Covid-19-Pandemie gesellschaftlich hoch relevant. Die Arbeit im Fachbereich Allgemeine Verwaltung wurde von Sven Paul und Prof. Dr. Heinrich Bücker-Gärtner betreut.

Eine weitere Politeia-Medaille wurde an Carla König, Absolventin des Masters International Economics am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, verliehen. In ihrer Masterarbeit „The UN Resolution on Women, Peace and Security - A Critical Policy Analysis of the National Action Plan of Nigeria (2017-2020)“ untersucht sie die Frage, inwiefern in Nigeria die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen ermöglicht wird. Mit ihrer Arbeit leistet sie einen wichtigen Beitrag zu einer kritischen Geschlechterperspektive auf Programme der internationalen Friedenspolitik. Die Betreuung der Arbeit übernahmen Prof. Dr. Martina Sproll und Hanna Völkle.

Außerdem wurde Natalja Opferkuch, Absolventin des Diplomstudiengangs Rechtspflege, mit einer Politeia-Medaille ausgezeichnet. Ihre Diplomarbeit „Zündstoff Kopftuch. Zur Vereinbarkeit des Berliner Neutralitätsgesetzes mit den Art. 4, Art. 33 und Art. 3 des Grundgesetzes“ widmet sich der Frage nach der Zulässigkeit des muslimischen Kopftuchs im Öffentlichen Dienst. In ihrer Arbeit prüft sie interdisziplinär das Neutralitätsgesetz mit dem Grundgesetz und thematisiert intersektionale Diskriminierungen. Betreut wurde die Arbeit im Fachbereich Rechtspflege von Prof. Dr. Jan Eickelberg und Prof. Dr. Anastasia Baetge.

Ausgezeichnete Arbeiten online abrufen

Alle ausgezeichneten Arbeiten sind in der Genderbibliothek im Frauenbüro am Campus Schöneberg und teilweise auch online einsehbar.

Digitale Feierstunde am 10. Mai 2021

Am Montag, 10.05.2021, findet eine virtuelle Feierstunde zur Ehrung der Politeia-Jahrgänge 2019 und 2020 statt. Zur Teilnahme an der Veranstaltung ist eine Anmeldung an das Frauenbüro ist erforderlich:

Denise Verch

Politeia-Preis für die Bachelorarbeit »Ökonomisches Empowerment von Frauen in Indien. Die Rolle der Mikrofinanzierung«.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Verch! Wie sind Sie auf dieses Thema für Ihre Abschlussarbeit aufmerksam geworden?

Vielen Dank! Auf das Thema Mikrofinanzierung bin ich während meines Studiums durch eine Kommilitonin gestoßen, die ein Praktikum in Ghana bei einem Mikrokreditanbieter gemacht hat. Daraufhin habe ich mich vor allem gefragt, inwiefern die angebotene Hilfe tatsächlich langfristige Änderungen für Frauen hervorbringt und auch, inwieweit diese Hilfe für kommerzielle Zwecke ausgenutzt wird – also ob sozialer Gedanke und kommerzielle Umsetzung miteinander vereinbar sind.

Risiken wie Verschuldung und die zunehmende Kommerzialisierung von Mikrofinanzierung habe ich in meiner Arbeit ja auch thematisiert. Diese habe ich als besonders wichtig und erschreckend empfunden, gleichzeitig aber leider auch nicht als sonderlich überraschend. Dass ich Indien als Untersuchungsland gewählt habe, liegt vor allem an dem vergleichsweise sehr großen Markt und dem Modell der sogenannten Self-Help-Groups, welche ihren Ursprung in Indien haben.

Weshalb ist das Thema Ihrer Arbeit relevant?

Das Thema der Geschlechtergleichheit an sich ist zweifelsfrei unglaublich relevant. In dieser Hinsicht gibt es weltweit noch extrem viel zu tun. Armut und mangelnde Selbstbestimmung sind speziell in ländlichen Regionen Indiens leider vielerorts noch allgegenwärtig. Mikrofinanzierung kann zahlreichen Frauen eine Möglichkeit bieten, sich sowohl ökonomisch als auch sozial zu empowern. Dass diese Idee aber eben nicht für Profite ausgenutzt wird, sondern verstärkt hingeschaut wird wie die Anbieter arbeiten, empfinde ich als äußerst wichtig und sollte viel thematisiert werden.

In Ihrer Arbeit untersuchen Sie das Empowerment von Frauen in Indien und den Einfluss der Mikrofinanzierung. Welchen Einfluss für die Frauen konnten Sie feststellen?

Der zentrale Faktor ist die Intention und Ausrichtung der Mikrofinanzagenturen. Daher sind die Auswirkungen auf die Frauen je nach Anbieter sehr unterschiedlich. Die Self-Help-Groups (SHGs) spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie fokussieren sich nämlich auf das soziale Empowerment in Kleingruppen.

Durch zahlreiche Trainings oder Schulungen wird beispielsweise Aufklärungsarbeit geleistet. Zudem wird hier einer Verschuldung entgegengewirkt: Das Sparen wird durch die SHGs erlernt und erst danach gibt es die Möglichkeit, Mikrokredite aufzunehmen. Als Fazit meiner Arbeit sehe ich, dass insbesondere die SHGs einen positiven Einfluss auf das Empowerment von Frauen nehmen können, allerdings sind auch sie kein „Allheilmittel“ und können nur begrenzt im kleineren Rahmen Abhilfe schaffen.

Was bedeutet es Ihnen, den Politeia-Preis 2020 gewonnen zu haben?

Den Politeia-Preis zu gewinnen bedeutet für mich persönlich eine große Wertschätzung meiner Arbeit, was mich natürlich riesig freut. Dass ich einen Teil zu einem so wichtigen Thema beitragen durfte und die ein oder andere Person sich dadurch vielleicht mit der Thematik auseinandersetzt, empfinde ich als besonders schön.

Jennifer Captuller

Politeia-Medaille für die Bachelorarbeit »Geschlechtertheorien als Erklärungsansatz für ungleiche Verteilung der Sorgearbeit von Frauen«.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Captuller! Wie sind Sie auf das Thema für Ihre Arbeit aufmerksam geworden?

Im Rahmen meines Studiums habe ich ein Praktikum im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) absolviert. Ich hatte das große Glück, dass mein Wunsch, in der Abteilung Gleichstellung arbeiten zu dürfen, erfüllt wurde. Während meiner Arbeit im BMFSFJ, wurde ich unter anderem mit einem Projekt betraut, welches sich mit der ungleichen Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit von Frauen befasst - das sogenannte „Gender Care Gap Projekt“. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass mich dieses Thema sehr interessierte. Nach eingehender Beratung mit meinem Erstbetreuer, Sven Paul, Referent in der Abteilung Gleichstellung, habe ich mich dazu entschieden, dass die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit von Frauen in Deutschland das Thema meiner bevorstehenden Bachelorarbeit wird.

Weshalb ist das Thema dieser Arbeit relevant? 

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die unbezahlte Sorgearbeit in Deutschland zum größten Teil von Frauen übernommen wird. Mir ging es zuerst ähnlich, bevor ich mich genauer mit diesem Thema beschäftigt habe. Doch genau hier liegt das Problem. In vielen Familien in Deutschland wird es als selbstverständlich angesehen, dass der Mann das Geld verdient und die Frau zu Hause bei den Kindern beziehungsweise bei pflegebedürftigen Angehörigen bleibt und hauptsächlich die tägliche Arbeit im Haushalt verrichtet. Doch welche Auswirkungen diese Verteilung auf das Leben einer Frau hat, wird hierbei oft nicht berücksichtigt.

Das Thema ist relevant, weil viele Ehegemeinschaften oder Lebenspartnerschaften alternative Wege gehen könnten, wenn sie aufgeklärter darüber wären, was für Aushandlungen in der Familie grundsätzlich möglich sind. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie sehen wir oft, dass die Frauen Homeoffice und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen müssen. Männer müssen sich oft nicht die Frage stellen, ob sie nun zuerst Hausaufgaben mit den Kindern erledigen oder ihrer Erwerbsarbeit nachgehen. Frauen werden mit dieser Entscheidung in der Regel jeden Tag konfrontiert. Die ungleiche Verteilung der Sorgearbeit von Mann und Frau zieht sich durch alle Lebensbereiche und hat leider oft zur Folge, dass gerade Frauen negative Auswirkungen für ihr weiteres Leben erfahren müssen.

Ihre Arbeit widmet sich dem Gender Care Gap. Können soziologische Geschlechtertheorien die geschlechtsspezifische Verteilung von Sorgearbeit erklären?  

Dass Frauen biologisch anders sind als Männer, ist mit dem bloßen Auge erkennbar. Eine Stärkung der Andersartigkeit von Frauen betont die durch die Natur gegebenen Eigenschaften einer Frau jedoch und festigt die Verbindung mit ihr. Soziologische Geschlechtertheorien haben unsere Geschichte geprägt und wurden in vielen Bereichen der Gesellschaft auch so vertreten. Gleichstellungspoltisch gesehen hat die Betonung der Andersartigkeit der Frau keine positiven Auswirkungen auf die Gleichstellung von Mann und Frau.

Die Zuschreibung von Stereotypen wurde durch die Theorie des sogenannten „Differenzfeminismus“ gestärkt und manifestiert und hat somit große Auswirkungen auf das Bild der Frau von heute und auch auf den Umgang mit Sorgearbeit von Frauen in der vorherrschenden Gesellschaft. Es handelt sich hierbei um einen eher negativen Einfluss auf die Care-Arbeit. Denn hätte es nie eine Betonung der Andersartigkeit und damit verbundenen weiblichen Eigenschaften der Frau gegeben, hätten sich bestimmte Bereiche vielleicht nicht automatisch in den Arbeitsbereich der Frau angegliedert. Stereotype und Normen, die durch den Differenzfeminismus gestärkt wurden, sind heute noch ein wichtiger Grund dafür, warum Frauen hauptsächlich die unbezahlte Sorgearbeit im Privaten übernehmen.

Was bedeutet Ihnen der Gewinn der Politeia-Medaille 2020?

Die Medaille bedeutet mir sehr viel. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mich natürlich über den Sieg freuen würde, allerdings war mir vor allem wichtig, dass das Thema der ungleichen Verteilung der Sorgearbeit von Frauen in Deutschland mehr Aufmerksamkeit bekommt. Immer noch wird zu wenig über diese Ungerechtigkeit gesprochen und vor allem zu wenig dagegen getan. Mit dem Gewinn dieser Medaille erhoffe ich mir, dass zumindest die Menschen, die dieses Interview oder meine Bachelorarbeit lesen, darüber nachdenken, was die unbezahlte Sorgearbeit für einen bedeutenden Teil in unserer Gesellschaft einnimmt und welche Auswirkung diese ungleiche Verteilung auf das Leben einer Frau hat.

Carla König

Politeia-Medaille für die Masterarbeit »The UN-Resolution on Women, Peace and Security. A Critical Policy Analysis of the National Action Plan of Nigeria (2017-2020) «.

Herzlichen Glückwunsch, Frau König! Sie haben eine POLITEIA-Medaille 2020 gewonnen! Wie sind Sie auf das Thema für Ihre Arbeit aufmerksam geworden?

Im Kurs „Gender and sustainable Economies“ meines Masterstudiengangs „International Economics“ habe ich mit einer Freundin eine Hausarbeit über das Thema „Die Rolle der Frau in Friedensverhandlungen“ verfasst. Dabei sind wir zum Teil auf sehr erstaunliche und widersprüchliche Informationen gestoßen. In meiner Masterarbeit wollte ich dieses Thema weiter vertiefen und mich bei meiner Recherche auf ein spezifisches Land, in meinem Fall Nigeria konzentrieren.

Warum Nigeria? In Nigeria sind unter anderem Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, geschlechterspezifische Gewalt, weibliche Genitalverstümmelung und Kinderehen allgegenwärtig. Die anhaltenden Anschläge auf die Zivilbevölkerung durch die islamistische Terrororganisation Boko Haram lösten über die letzten Jahre hinweg eine schwere humanitäre Krise in Nigeria aus. Besonders Frauen und Mädchen sind Opfer von gewalttätigen Übergriffen und Massenentführungen, da geschlechtersensible Gewalt zur Unterdrückung gefährdeter Gruppen eingesetzt wird und Frauen und Kinder mit verheerenden Folgen zurücklässt.

Mit meiner Arbeit wollte ich einen kritischen Blick auf die Konstruktion und Umsetzung von Programmen der internationalen Friedenspolitik werfen. Der Nationale Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 „Frauen, Frieden und Sicherheit“ (2000) wird seit 2013 in Nigeria implementiert. Aber wie sieht die Partizipation von Frauen an Friedensprozessen in Nigeria heute aus? Wo liegen die Fallstricke bei der Umsetzung und wo und inwiefern besteht dabei Potenzial für gesellschaftliche Transformationsprozesse? Auf all diese Fragen wollte ich Antworten finden.

Wieso ist das Thema Ihrer Arbeit relevant?

Meiner Meinung nach ist das Thema relevanter denn je, da sich die Ursachen von Konflikten in den letzten Jahrzehnten stark verändert haben und Frauen und Kinder in vielen Regionen der Welt die Hauptleidtragenden von sexualisierter Gewalt und kriegerischen Konflikten sind.

In Nigeria bestimmen traditionelle Werte und religiöse Strukturen das gesellschaftliche Leben. Diese Werte und Normen geben vor, ob beispielsweise Mädchen zur Schule gehen dürfen oder Frauen Kredite aufnehmen und/oder erben dürfen. Oftmals ist dies nicht der Fall.

Patriarchale Strukturen ziehen sich aber nicht nur durch die privaten und öffentlichen Räume Nigerias, der eingeschränkte oder gar fehlende Zugang zu Bildung, Eigentum und finanziellen Ressourcen ist kein länderspezifisches Problem. Von der Gesellschaft aufgrund des Geschlechts und der Zuschreibung stereotyper Charaktereigenschaften diskriminiert und damit strategisch vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden, ist nach wie vor pure Realität für viele Menschen und ein gravierendes globales Problem.

Daher setzte ich mich in meiner Arbeit mit den Problemen und Fallstricken des international induzierten Gender Mainstreaming durch internationale Friedensprogramme auseinander und analysierte den Status Quo des sozio-ökonomischen und politischen Empowerments von nigerianischen Frauen. 

In Ihrer Arbeit untersuchen Sie die Frage, inwiefern der »National Action Plan on Women, Peace and Security of Nigeria (2017-2020)« die Beteiligung von Frauen an den Friedensprozessen ermöglicht. Was sind Ihre zentralen Ergebnisse?

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass der Nationale Aktionsplan geschlechtliche und rassistische Herrschaftsverhältnisse reproduziert, indem er die zugrundeliegenden geschlechtsbezogenen und postkolonialen Machtverhältnisse nicht explizit adressiert. Am Beispiel des Nationalen Aktionsplans von Nigeria zeige ich, dass die Mechanismen internationaler Organisationen „geschlechterblind“ sind, indem sie Frauen durch ihren Top-Down Ansatz in Entscheidungsprozessen nur unzureichend mitdenken. Der Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 erhält entsprechend Formen "hegemonialer Männlichkeit" aufrecht, indem er die (historischen) Konfliktursachen ignoriert.

Darüber hinaus priorisiert der Nationale Aktionsplan ein neoliberales Verständnis von sozio-ökonomischem Empowerment. Dadurch ordnet er genderstrategische Interessen rein ökonomischen Interessen unter und entzieht sich damit der Komplexität von Geschlechterrollen und kulturellen Kontexten in einer ethisch vielfältigen Gesellschaft. Dass der Aktionsplan nur unzureichend umgesetzt wird, ist auch auf fehlenden politischen Willen, mangelndes Bewusstsein sowie unzureichende Berichtsmechanismen zurückzuführen - der nigerianische Aktionsplan ist lediglich in einen weiten und unverbindlichen Rahmen eingebettet, der eine „one-size-fits-all“ Lösung vorschreibt.

Bis dato gelingt es dem Nationalen Aktionsplan für „Frauen, Frieden und Sicherheit“ nicht, einen Prozess des strukturellen und systemischen Wandels in Nigeria in Gang zu setzen.

Was bedeutet es Ihnen, die Politeia-Medaille 2020 gewonnen zu haben?

Ich freue mich riesig über die Anerkennung meiner Arbeit mit der Politeia-Medaille und darüber, dass dieses „Nischenthema“ Aufmerksamkeit erregt. Es zeigt mir, dass sich eine kritische Auseinandersetzung mit „unbequemen“ Themen lohnt, Gehör findet und auch seitens der Forschung und Lehre gefördert wird.

Ich danke besonders meinen Interviewpartnerinnen, durch die ich sehr viel über das Leben der Frauen in Nigeria erfahren durfte und die tagtäglich die Energie und den Mut aufbringen, in ihrem Land für die Gleichstellung der Frau zu kämpfen.

Ich bin stolz, an der HWR Berlin studiert zu haben – einer Hochschule, die sich unter anderem mit der Verleihung des Politeia-Preises für das Empowerment der Frauen einsetzt und so immer wieder unseren gesellschaftlichen Status Quo hinterfragt.

Natalja Opferkuch

Politeia-Medaille für die Diplomrarbeit »Zündstoff Kopftuch. Zur Vereinbarkeit des Berliner Neutralitätsgesetzes mit den Art. 4, Art. 33 und Art. 3 des Grundgesetzes«.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Opferkuch! Wie sind Sie auf das Thema für Ihre Arbeit aufmerksam geworden?

Rechtspflege ist mein Zweitstudium; zuvor habe ich Islamwissenschaft und Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg studiert. Mein Schwerpunkt in diesem Studium war die Frage nach der Stellung von Frauen* in den religiösen Quellen des Islam. Besonders interessant war für mich dabei auch stets die Frage nach modernen Emanzipationsdiskursen muslimischer Frauen*. Es war daher klar, dass ich ein Thema an der Schnittstelle zwischen Recht und Islamwissenschaft für meine Diplomarbeit wählen würde.

Den entscheidenden Impuls, die Verfassungsmäßigkeit des Berliner Neutralitätsgesetzes unter Zuhilfenahme islamwissenschaftlicher sowie diskursanalytischer Methodiken zu untersuchen, erhielt ich aus der Justiz selbst. Die causa ‚Kopftuch‘ ist dort hochgradig umstritten; zuletzt führte etwa eine Dienstanweisung des Kammergerichtspräsidenten an die Generalstaatsanwaltschaft bezogen auf das Kopftuch bei Referendarinnen* für einige Irritationen. Das Thema wird nicht alt und ist noch lange nicht ausdiskutiert, geschweige denn ausgeurteilt, zumal immer mehr kopftuchtragende Frauen* die Gerichte anrufen.

Weshalb ist das Thema Ihrer Diplomarbeit relevant?

Die Frage nach der Zulässigkeit religiöser Symbole im Staatsdienst, in concreto des Kopftuchs, beschäftigt die deutsche Justiz bis hin zum Bundesverfassungsgericht bereits seit gut zwanzig Jahren. Die Debatte ist aber nicht nur verfassungsrechtlicher Natur; vielmehr lässt sich auch eine politische Dimension beobachten. Politisch wird in erster Linie die Frage nach Teilhabe, Zugehörigkeit und Anerkennung von als „fremd“ gelesenen Menschen in unserer pluralen Demokratie gestellt. Da ein Grundversprechen der pluralen Demokratie die Teilhabe aller ist, ist es aus meiner Sicht besonders wichtig, das Neutralitätsgesetz kritisch an den Maßstäben der Verfassung zu messen. Denn das Neutralitätsgesetz trägt möglicherweise dazu bei, Teilhabe zu versagen, obwohl dies verfassungsrechtlich bedenklich sein könnte. Das wiederum sollte uns Alle beschäftigen.

Sie prüfen den § 1 des Berliner Neutralitätsgesetzes auf seine Vereinbarkeit mit den Art. 4, Art. 33 und Art. 3 GG und insbesondere, inwieweit muslimische Frauen, die im Dienst ein Kopftuch tragen möchten, durch das Berliner Neutralitätsgesetz in ihren Grundrechten tangiert werden. Wie würden Sie Ihre Haupterkenntnis definieren?

Zentral ist für mich die Erkenntnis, dass das Berliner Neutralitätsgesetz – gemessen an dem Grundgesetz sowie an der Entscheidung des BVerfG vom…, in seiner gegenwärtigen Fassung gegen Art. 4, Art. 33 und Art. 3 GG verstößt. Eine nur abstrakte Gefahr für ein anderes Grundrecht reicht nicht hin, die Religionsfreiheit der Kopftuchtragenden einzuschränken.

Daraus folgt, dass das Berliner Neutralitätsgesetz dahingehend geändert werden müsste, dass die Religionsfreiheit aus Art. 4 GG nur eingeschränkt werden darf, wenn ein anderes Grundrecht durch die Religionsausübung der kopftuchtragenden Frau* konkret gefährdet ist. Außerdem zeigt sich, dass das Kopftuch einem kulturhegemonialen Verständnis unterliegt, das auf kolonialistischen Diskursen beruht. Mit anderen Worten: Stereotype Bilder von Musliminnen* und ‚dem‘ Islam bestimmen unsere Wahrnehmung und wirken in politische wie juristische Diskurse hinein.

Was bedeutet Ihnen der Gewinn der Politeia-Medaille 2020?

Ich habe mich sehr über den Gewinn gefreut. Der Preis beziehungsweise die Medaillen sind ein wichtiges Signal an Studierende, dass ihre Arbeiten durchaus Relevanz über den Korrektor*innenkreis hinaus haben können. Mir gibt der Gewinn nicht nur das gute Gefühl, eine brauchbare wissenschaftliche Arbeit geschrieben zu haben, sondern auch mit Inhalten zu arbeiten, die für die Allgemeinheit interessant sind. Besonders schön finde ich, dass mit meiner Diplomarbeit ein nicht eben unumstrittenes Thema prämiert wurde.

Auszeichnung für herausragende Studienarbeiten seit 2001

Seit 2001 prämiert die HWR Berlin die besten Studierendenarbeiten zur Frauen- und Geschlechterforschung mit dem Politeia-Preis. Der Preis ist mit 1.000 Euro dotiert, zusätzlich werden bis zu drei Politeia-Medaillen mit je 400 Euro verliehen. Bewerbungen aus allen Studienfächern sind bis zum 30. November eines Jahres möglich. Es werden gleichermaßen hervorragende Hausarbeiten, Projektarbeiten oder Abschlussarbeiten ausgezeichnet.

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