Neuigkeit | Exkursion

Exkursionen in die Stadtgesellschaft

Kripo-Studierende des Fachbereichs Polizei und Sicherheitsmanagement besuchten verschiedene Berliner Einrichtungen, mit denen sie in ihrer zukünftigen Polizeiarbeit in Kontakt stehen werden.

05.07.2024 — Prof. Dr. Christine Bartsch

Ein Mehrfamilienhaus im Wedding mit der Aufschrift: Ick steh uff Wedding Dit is meen Ding. Foto: © privat: Christine Bartsch

April, Mai und Juni standen für die angehenden Kommissarsanwärter*innen des Fachbereichs Polizei und Sicherheitsmanagement der HWR Berlin ganz im Zeichen von Praxisexkursionen. Insgesamt wurden acht verschiedene Berliner Institutionen in verschiedenen Stadtteilen besucht, zwei davon im Wedding.

Stadtplan von Berlin mit angepinnten Örtlichkeiten der acht Institutionen. Foto: © privat: Christine Bartsch

Im Frühsommer veranstaltete der Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement der HWR Berlin für Kripo-Studierende im 4. Semester wieder einen vielseitigen Praxis-Exkursionsblock. Innerhalb von vier Wochen wurden insgesamt acht Berliner Einrichtungen besucht, wobei immer zwei der insgesamt sechs Studierendengruppen mit bis zu 15 Personen Einblicke in den besonderen Tätigkeitsbereich von drei möglichen Praxisschnittstellen ihrer späteren Ermittlungsarbeit erhielten.

Todesermittlungsverfahren und Gewaltkriminalität

Der Praxisblock befasste sich im ersten Teil mit dem Thema „Todesermittlungsverfahren – Sterben, Tod und das Danach“ und beinhaltete Besuche beim Diakonie-Hospiz Lichtenberg, beim Bestattungsinstitut Grieneisen und beim Krematorium Baumschulenweg. Im zweiten Teil ging es um das Thema „Gewaltkriminalität – wer die Opfer sind und wo die Täter „sitzen““. Zu diesem Zweck wurden die durch die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung geförderten Fachberatungs- und Interventionsstellen Interkulturelle Initiative e.V.(IKI) und Frauenraum e.V., das in Entstehung begriffene Childhood-Haus Berlinund die Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit besucht. Umrahmt wurde das Programm von einem Workshop der Abteilung Forensische Genetik am Institut für Rechtsmedizin der Charité, wo jede Gruppe in zwei aufeinander folgenden Terminen die Anwendung moderner molekularbiologischer Methoden mit dem Ziel der Aufklärung von Straftaten und der Klärung zivilrechtlicher Fragen kennenlernen konnten.

Persönliches Feedback

Die zahlreichen persönlichen Rückmeldungen der insgesamt 81 Studierenden zu Fragen ihrer wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen zeigen beeindruckend, wie wichtig Praxisexkursionen sind und welchen Stellenwert sie innerhalb des Studiums einnehmen können. Auszugsweise anonymisiert widergegebene Originalzitate in Form von berührenden Statements, persönlichen Erfahrungsreflexionen und kritischen Einsichten untermauern den Erfolg und sollen die Unternehmungen an dieser Stelle abrunden:

„Die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod und Menschen die auf das Lebensende zu gehen, geben einem einen neuen Ausblick auf das eigene Leben was dem ganzen noch eine neue Wertschätzung gibt.“

(nach dem Besuch im Diakonie Hospiz Lichtenberg)


Ich fand hier vor allem sehr wichtig mitzunehmen, wie man mit Menschen umgehen kann, die einen geliebten Menschen verloren haben. Vor allem als Kriminalpolizist habe ich in meinem späteren Berufsleben viel mit verstorbenen Menschen zu tun und muss Todesnachrichten überbringen. Ich weiß nun, wie unterschiedlich Menschen auf solch eine Nachricht reagieren können und bin sensibilisiert darauf, diese nicht vorab zu verurteilen.“

(nach dem Besuch bei Bestattungen Grieneisen GmbH)


„Unabhängig von der unglaublich beeindruckenden und schönen Architektur des Gebäudes war die wichtigste Erkenntnis für mich, dass alle Menschen gleich sind. Das mag wie eine banale Sache klingen, aber egal ob natürlich, unnatürlich, durch Suizid, fremde Hände oder sonst wie gestorben, am Ende des Tages landen die Menschen in diesem Krematorium, bekommen einen Schamottstein mit ihrer individuellen Kennung und werden mit zwei anderen Menschen in einen großen Ofen geschoben, wo sie in mehreren Kammern verbrannt und aufgefangen werden.“

(nach dem Besuch im Krematorium Baumschulenweg)


„Erschreckend für mich war zu hören, wie lange PartnerInnen Gewalt dulden, bis sie sich überhaupt an Hilfsstellen wenden.“

(nach dem Besuch bei IKI e.V.)


„Es muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden, dass wirklich endlich mal alle Menschen aller Geschlechter frei und ohne Angst leben können. Um dieses Ziel ein Stück voranzubringen, liegt es auch an uns als zukünftige Polizisten, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um Frauen, die Opfer von Häuslicher Gewalt, Stalking etc. werden, zu schützen.“

(nach dem Besuch bei Frauenraum e.V.)


„Ich denke es ist wichtig, dass wir mehr solcher Anlaufstellen haben, die die Kapazität und Fähigkeit haben, den Betroffenen wirklich eine unterstützende Hilfe sein können und über ihre Rechte aufgeklärt werden.“

(nach dem Besuch im Childhood-Haus Berlin)


„Auch die Information, dass Justizvollzugsbeamte keine Waffe bei sich tragen, sondern eine Pfeife, um die Kollegen ranzuholen, war neu für mich.“

(nach dem Besuch in der JVA Moabit)


„Die wichtigste Erkenntnis, die ich gewonnen habe, war die immense Bedeutung des Schutzes und der sofortigen Sicherung potenzieller DNA-Spuren während der Spurensuche bei polizeilichen Ermittlungen. Es ist von größter Bedeutung, diese Spuren vor jeder möglichen Verfälschung zu bewahren, da sie entscheidende Hinweise für die Aufklärung eines Falles liefern können.“

„Andererseits ist es auch ein bisschen unheimlich, was man durch diese Methode alles über Menschen herausfinden kann und das Vertrauen, dass man es nicht irgendwann für etwas Negatives missbraucht und zu Selektion führt. Es sind einfach unsere intimsten Details.“

(nach dem Besuch bei der Forensischen Genetik)

 


Die Perspektive der Lehrenden

Letztendlich wissen wir Lehrenden häufig nicht, wie wichtig unsere vielschichtigen Vorgehensweisen in der Lehre für die vielen unterschiedlichen Individuen auf ihrem weiteren Lebensweg sind. Die Lehrevaluationen bilden dies häufig wenig fühlbar ab. Live-Erlebnisse mit den Studierenden sind demgegenüber extrem berührende Begegnungen, bei denen wir mit etwas Glück auch unerfragtes Feedback erhalten, das uns glücklich macht und uns in unserem Vorgehen bestärkt: „Danke, dass Sie das mit uns gemacht haben Frau Bartsch! Es waren emotionale Berg- und Talfahrten, aber lehrreiche!“

Das kann ich nur bestätigen und weiterempfehlen.