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Prof. Dr. Tobias Braun

"In einer mitreißenden Lehrveranstaltung entsteht eine eigene Realität voller Interesse und Hingabe für das Fach."

18.06.2026

Foto: Manfred H. Vogel

Prof. Dr. Tobias Braun aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften erreicht den ersten Platz in der Kategorie Grundlagenlehre für die Lehrveranstaltung Strategic Management im Studiengang International Sustainability Management. Das Konzept verbindet wissenschaftliche Grundlagen mit Fallstudien, interaktiven Formaten und projektorientiertem Lernen: Studierende erarbeiten Lösungen für reale Herausforderungen.

Prof. Dr. Tobias Braun im Interview

Was hat Sie ursprünglich dazu gebracht, Lehrender zu werden? Gab es einen Moment oder eine Person, die Sie inspiriert hat? 

Definitiv! Ich hatte fünf Semester mäßig spannendes BWL-Studium hinter mir, als ich an der FU Berlin zufällig in eine Veranstaltung von Georg Schreyögg geriet. Es ging um die historischen Entwicklungslinien der Managementforschung. Aus der Ferne würde man vermuten, dass man Studierende damit schwerlich begeistern kann. Prof. Schreyögg sprach 90 Minuten frei, unterstützt nur durch eine Handvoll spärlich beschriebener Folien auf dem OH-Projektor, und präsentierte eine überraschende Einsicht nach der anderen. In Nullkommanichts hatte er mich überzeugt, dass ich noch viel mehr über sein Fach wissen wollte. 

Sie wurden dann später Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Schreyögg. Haben Sie sich an seiner Lehrmethode orientiert? 

Das passierte ganz automatisch. Schreyögg unterrichtete ausschließlich gehaltvolle, wissenschaftliche Inhalte höchsten Ranges; aktuelle Managementmoden erwähnte er nur, um den Studierenden zu zeigen, dass sie zu kurz gedacht sind, und dass man in der Managementforschung schon längst viel weiter ist. Auch ich unterrichte lieber wenige, aber dafür wichtige Konstrukte. Schreyögg sprach in den Veranstaltungen zwar frei, aber er bereitete sich vor jeder Vorlesung konzentriert darauf vor, indem er noch einmal in Ruhe durch seine Folien ging und dazu einige handschriftliche Notizen sichtete. Diese Vorbereitung habe ich mir abgeguckt. Man ist dann automatisch gut gelaunt und freut sich auf die Highlights, um die es gleich gehen wird.

Foto: Manfred H. Vogel

Ihre nun prämierte Veranstaltung „Strategic Management“ folgt allerdings einer stark interaktiven Didaktik, sie scheinen mit den Jahren also einen ganz anderen, eigenen Lehrstil entwickelt zu haben? 

Es ging nicht anders. Wir haben in der BWL durch Youtube-Videos und AI neue Konkurrenz bekommen. Studierende kommen heute schnell und komfortabel an Antworten auf alle Fragen. Dass diese womöglich falsch und nicht präzise genug sind, ist zweitrangig. Viel schlimmer ist: schnelle Antworten lassen keine Zeit, erst mal selbst zu denken, die eigenen mentalen Modelle herauszufordern und Neues einzuknüpfen. Zu schnelle Antworten verhindern Lernprozesse. Ich bin deshalb ein großer Freund von Medienbrüchen geworden – Mensch-Mensch-Interaktion statt Mensch-Maschine-Kommunikation. Und ich verwende viel Zeit und Mühe darauf, das Interesse der Studierenden an den Inhalten zu wecken. Gerade von Studienanfängern kann man noch keine glühende Liebe zur BWL erwarten. 

Was heißt das konkret? In ihrem Festvortrag haben Sie identitätstheoretisch argumentiert. 

Identitätstheorie ist der Ausgangspunkt. In einer mitreißenden Lehrveranstaltung entsteht eine eigene Realität voller Interesse und Hingabe für das Fach. Dies gelingt, wenn dort nicht nur Wissen vermittelt wird, sondern die Teilnehmer auch eine besondere Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ erhalten. Anders ausgedrückt, Lernprozesse werden mit Identitätsentwicklung verknüpft. Getreu dem Motto „Ich bin, was ich tue“, nehmen die Studierenden an einem Open-Innovation Ideenwettbewerb realer Auftraggeber teil, im Wettbewerb gegen Teams anderer Hochschulen. Wenn BMW, RWE oder die Hamburger Sparkasse eine solche Challenge definieren, kommt man mit der etablierten Abiturientenidentität nicht weit. Da muss man sich häuten bis die Nachwuchsmanagerin zum Vorschein kommt. Auch die alten Pennäler-Werkzeuge – ChatGPT & Co – passen nicht in diese Realität, oder wenn, dann zum Glück, um neue Fragen zu kreieren, nicht um schnelle Antworten zu erhalten. Wer sich zusammengefunden hat, um mit eigenen Ideen die Stadt Hamburg zu einem Vorreiter beim Klimaschutz zu machen – das war das Wettbewerbsthema der Hamburger Sparkasse – erlebt Teamarbeit in einer neuen Dimension. Und ganz nebenbei hat man auch Freunden und Familie endlich mal was vom Studium zu erzählen. 

Und wo bleibt die Theorie?

Die gibt’s natürlich obendrauf. Oder vielmehr untendrunter. Denn ohne die Konzepte des strategischen Managements kann man die Auftraggeber der Challenge gar nicht glücklich machen. Dazu habe ich ein Lehrbuch geschrieben, das die Inhalte nicht so neutral aufbereitet, wie das sonst üblich ist. Stattdessen werden der eigene Barbesuch, das Pogo-Konzert oder ein Lieblingsroman zur Bühne von Strategischem Management. Auch das hilft bei der Identifikation. Die Konzepte diskutieren wir im Unterricht und anschließend analysieren wir mit ihnen die real existierenden Lieblingsunternehmen der Studierenden. Wenn die Studierenden verstehen, was hinter den Kulissen ihrer geliebten Marken passiert, dann ist das genau die Sorte überraschender Einsichten, die mich einst für das Thema Management begeisterte.