Wenn der Hörsaal zur Werkstatt wird
Ein besonderes Modul im Fach Personalmanagement: Dozentin Ines Schulz-Bücher hat mit dual Studierenden des 6. Semesters in der Fachrichtung Handel die USE - Union Sozialer Einrichtungen besucht.

Die Studierenden waren in der Töpferei, Tischlerei, Malwerkstatt, Flechterei, Bürsten- und Schachtel-Werkstatt, Floristik, Lager und Versand im Einsatz.
Warum schicken Sie Studierende kurz vor dem Bachelor-Abschluss in eine Werkstatt für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen?
Ines Schulz-Bücher: Inklusion ist für mich kein abstraktes HR-Thema aus dem Lehrbuch, sondern eine Herzensangelegenheit. Meine Mutter war Sonderschulpädagogin. Ich bin facto mit geistig, psychisch, körperlich und mehrfachbehinderten Kindern groß geworden. Bevor die Studierenden im Herbst ihre ersten Managementrollen antreten, wollte ich eine echte Perspektiverweiterung anstoßen. Es geht um Haltungsarbeit: Wie nehmen wir Leistung wahr, wenn wir unsere klischeehaften Brillen abnehmen? Schwer begeistert hat mich der Bericht eines Studenten: Ein Student erzählte von einem REWE-Markt in Bremen, der 75 % seiner Belegschaft aus Menschen mit Behinderung zusammensetzt. „Der Marktleiter war anfangs skeptisch – heute ist er begeistert.“
Wie war die Reaktion der Studierenden vor Ort?
Ines Schulz-Bücher: Die Realität vor Ort hat viele Vorannahmen komplett zerlegt. Viele erwarteten langsame Abläufe oder ein „verzerrtes Bild“ von Arbeit. Stattdessen trafen sie auf eine Professionalität, die beeindruckt hat.
„Am meisten überrascht hat mich die Professionalität. Die Abläufe waren klar strukturiert, Aufgaben verteilt und jeder wusste genau, was zu tun ist.“ — F.B., Studentin
Inwiefern unterscheidet sich das Arbeitsverständnis in der Werkstatt von dem, was wir im „klassischen“ Business lernen?
Ines Schulz-Bücher; Ein zentraler Punkt ist die Überwindung der Entfremdung. In der modernen Wirtschaft sind wir oft nur anonyme Rädchen. In der Werkstatt ist der Sinnbezug greifbar. Das hat die Studierenden tief bewegt.
„Uns fehlt oft dieser Sinnbezug. Wir bewegen Waren, zu denen wir keinen Bezug haben. Die Werkstatt lehrt uns ‚Stolz auf das Ganze‘ statt ‚Funktionieren im System‘.“ — Leif S., Student
Wird Inklusion damit zum strategischen Faktor für künftige Führungskräfte?
Ines Schulz-Bücher: Absolut. Inklusion ist kein „Nett-zu-sein“-Faktor oder reines „Gutmenschtum“. Es ist eine ökonomische Erkenntnis. Wer Menschen nur nach starren Normen bewertet, verliert wertvolle Talente.
„Dort bedeutet Leistung Sorgfalt und Ganzheitlichkeit. Es geht nicht darum, wie viele Pakete pro Stunde das Lager verlassen, sondern mit welcher Hingabe jedes einzelne Produkt verpackt wird.“ — Leif S.
Gab es auch Momente, die den Blick auf das eigene Leben verändert haben?
Ines Schulz-Bücher: Ja, das Thema Resilienz und Dankbarkeit spielte eine große Rolle. Ein Student reflektierte nach einem Gespräch mit einem Mitarbeiter namens Simon sehr intensiv über das „Jammern“ im Alltag. Es zeigt, dass Inklusion auch uns hilft, glücklicher und mit mehr Demut durch das Leben zu gehen.
Gab es einen Moment, der Sie besonders berührt hat?
Ines Schulz-Bücher: Mich bewegt die Offenheit meiner Studierenden. Wenn eine Studentin wie Lea erkennt, dass zwischenmenschliche Dynamiken universell sind, oder wenn man durch Gespräche mit Mitarbeitern wie Simon lernt, mit mehr Dankbarkeit durch das Leben zu gehen, dann ist das Ziel der Exkursion erreicht. Ich fand einfach die Begegnungen so schön zwischen den Beschäftigten und den Studierenden es hat einfach „gemenschelt“. Das liebe ich. Ein großer Dank gilt an die Organisation und Begleitung vor Ort durch Hadi Shogaa, stellvertretender Geschäftsbereichsleiter der Einrichtung in der Oranienstraße 26.