DiGiTal: Digitale Zukunft braucht Frauen
Diversity-orientierte Technikgestaltung ist sicherer, innovativer und denkt alle Menschen mit, sagt HWR Berlin-Informatikprofessorin Dr. Heike Wiesner. Sie ordnet ein und zeigt, wo Deutschland steht.

Zur Person
Prof. Dr. Heike Wiesner ist Professorin für Betriebliche Informations- und Kommunikationssysteme im Studiengang Wirtschaftsinformatik an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin), Vize-Direktorin des Harriet Taylor Mill‐Instituts für Ökonomie und Geschlechterforschung und zweite Sprecherin des DiGiTal-Programms. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf der Schnittstelle von transformativen Technologien, partizipativer Softwaregestaltung, Techniksoziologie und Diversity/Gender-Forschung im MINT-Spektrum. Sie untersucht, wie immersive Technologien (Virtual/Augmented Reality) soziale Teilhabe ermöglichen und wie Digital Entrepreneurship gendergerecht gestaltet werden kann.
Frauen in der Wissenschaft: Wo stehen wir?
Frau Prof. Dr. Wiesner, wenn wir heute über Digitalisierung sprechen, warum brauchen wir 2026 eigentlich immer noch spezielle Programme, um Frauen in der Forschung sichtbar zu machen?
Trotz des Anstiegs in den vergangenen 20 Jahren liegt der Frauenanteil bei Professuren als der höchsten Stufe der akademischen Karriere weit hinter dem Frauenanteil zum Karrierestart zurück. Der Frauenanteil an den Professuren in Deutschland hat sich in diesem Zeitraum zwar mehr als verdoppelt und bewegt sich jetzt bei circa 30 Prozent
Auf den ersten Blick klingt die Meldung des Statistischen Bundesamts wie ein Erfolg, aber 30 Prozent sind immer noch keine 50 Prozent und auch dieses knappe Drittel ist nach wie vor stark umkämpft.
Der Frauenanteil bei den hauptberuflichen Professuren unterscheidet sich zudem deutlich zwischen den Fächergruppen. Gerade in den technischen und ingenieurwissenschaftlichen Fächern liegt dieser weit unter 20 Prozent. Es werden weiterhin Förderprogramme benötigt, die die Sichtbarkeit von Frauen in den Wissenschaften erhöhen und auch, um die daran gekoppelten strukturellen Veränderungen kontinuierlich voranzubringen.
Strukturelle Hürden und was hilft
Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Hürden für Nachwuchswissenschaftlerinnen in diesem Feld?
Die höchste Stufe der akademischen Karriere – eine W3-Professur – zu erlangen, ist sicherlich die größte Herausforderung im Karriereverlauf einer Nachwuchswissenschaftlerin. Je höher die Stufe auf der akademischen Leiter, desto niedriger sind die Frauenanteile. Dies wird auch als „Leaky Female Pipeline in der Wissenschaft“ beschrieben. Während im Jahr 2024 beispielsweise bei den Juniorprofessuren eine paritätische Verteilung der Geschlechter vorliegt (Frauenanteil bei 50,3 Prozent), geht die Schere bis zur höchsten Besoldungsstufe – den W3- bzw. C4-Professuren – deutlich auseinander.
Bei einer gleichbleibenden Steigerung des Frauenanteils wie in den letzten 20 Jahren wäre eine Geschlechterparität bei den W3-Professuren erst in 50 Jahren erreicht, wie das Kompetenzzentrum in Wissenschaft und Forschung berechnet hat.
Genau hier muss man ansetzen, wo es wirklich hakt.
Wie?
Ein wirksamer Hebel ist das Professorinnenprogramm 2030, ein gemeinsames Förderprogramm von Bund und Ländern zur Erhöhung des Frauenanteils an Hochschulprofessuren und zur Stärkung der Gleichstellung. Es finanziert Anschubfinanzierungen für die Berufung von Frauen auf unbefristete Professuren, um Geschlechterparität in der Wissenschaft zu erreichen.
Im Bereich der Digitalisierung ist das Verbundprogramm „DiGiTal – Digitalisierung: Gestaltung und Transformation“ ein gutes Beispiel und wegweisend. 13 Berliner Hochschulen haben gemeinsam daran gearbeitet, Frauen auf dem Weg zur Professur und in der Digitalisierungsforschung zu stärken, innovative Forschung zu fördern und interdisziplinäre Vernetzung und kooperative Promotionen auszubauen. In zwei Förderphasen (2017–2021 und 2022–2026) wurden insgesamt 39 Wissenschaftlerinnen sowie Künstlerinnen und Gestalterinnen unterstützt. Initiiert und begleitet durch die Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Berliner Hochschulen (LakoF), wurde das Programm gefördert durch das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP).
Beides sind sehr wichtige Instrumente, um die Geschlechterparität bei den Professuren weiter voranzubringen und Gleichstellungsstrukturen zu festigen.
Ein Modellprojekt für die Zukunft
Was macht das Programm DiGiTal so besonders?
DiGiTal ging über klassische Förderlogiken hinaus, indem es exzellente Forschung mit Frauenförderung, künstlerischen Perspektiven und interdisziplinärem Austausch verband. Es stärkte die Digitalisierungsforschung in Berlin durch innovative Projekte in Bereichen wie Sozialer Arbeit, KI und Nachhaltigkeit. Das Spektrum war weit und reichte ganz konkret von „Digital Streetwork und Soziale Arbeit“ und „KI und Business Process Management“ bis zu „Textilrecycling und Kreislaufwirtschaft“. Alle Themencluster verbanden technische Innovation mit gesellschaftlicher Relevanz.
Aufgrund der gelungenen Vernetzung über Disziplingrenzen hinweg kann DiGiTal als Modell für zukünftige Formate dienen.
Sie sind Informatikprofessorin, ein Bereich mit besonders niedrigem Frauenanteil in Deutschland. Sie verbinden in Ihrer Arbeit technologische Innovationen wie Robotik und Virtual und Augmented Reality mit Gender- und Diversity-Fragen. Welche konkreten Chancen ergeben sich daraus für eine gerechtere Gestaltung digitaler Zukunftstechnologien?
Es sind weniger Chancen denn dringliche Notwendigkeiten, die ich damit verbinde.
Einer einzigen Geschlechtsgruppe alle Entscheidungen zu überlassen, ist immer sehr riskant.
Technikgestaltung ist in Deutschland nach wie vor sehr männlich konnotiert. In der IT wird dieses Phänomen auch als I-Methodology bezeichnet. Programmierer nehmen sich und damit ihre Vorlieben und Wünsche bei der Produktentwicklung häufig zum Maßstab. Dies geschieht häufig unbewusst. Das Problem ist aber, dass diese Produkte sehr gefährlich werden können, für Frauen oder auch für Kinder, da die Produkte deren Bedarfe und Wünsche gar nicht im Blick hatten. Ein Sicherheitsgurt für einen Mann hilft einem Mann. Für die Kinder waren sie schlichtweg tödlich. Somit sind Diversity- und Genderaspekte in allen Innovationsfeldern nach meinem Dafürhalten unhintergehbar, einfach um Unfälle vorzubeugen oder auch neue Forschungsfelder zu eruieren – sei es im Gesundheits- und Pflegebereich oder auch im gelebten Alltag.
Diversity-orientierte Technikgestaltung ist schlichtweg sicherer, innovativer und adressiert die gesamte Gesellschaft.
Interdisziplinarität als Antwort auf komplexe Probleme
Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen und wie konnten Sie diese im Verbundprogramm DiGiTal zur Förderung der Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen und Gestalterinnen platzieren?
Wenn ich mir die Problemlagen in unserer Gesellschaft vergegenwärtige, komme ich schnell zu der Erkenntnis, dass die gesellschaftlichen Herausforderungen, wie Klimawandel, Mobilität oder die digitale Kluft nicht mehr im Rahmen einer Einzeldisziplin gelöst werden kann. Wir benötigen interdisziplinäre und transdisziplinäre Kompetenz. Diese programmatisch in das DiGiTal-Programm zu implementieren, war mir ein großes Anliegen, neben der besonderen Förderung von jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen. Und da dieses Anliegen von anderen Beiratsmitgliedern ebenfalls als wichtig eingestuft wurde, ist das DiGiTal-Programm meines Erachtens nach auch so vielfältig geworden.
Praxisbeispiele für mehr Chancengleichheit
Mit Ihrer langjährigen Erfahrung – unter anderem im Frauen Computer Zentrum Berlin und im Harriet Taylor Mill-Institut für Ökonomie und Geschlechterforschung – engagieren Sie sich für den Abbau digitaler Ungleichheiten. Welche Maßnahmen haben sich Ihrer Ansicht nach als besonders wirksam erwiesen?
Maßnahmen, die genau dort ansetzen, wo die Kluft zwischen den Geschlechtern am stärksten ausgeprägt ist, sind dann besonders wirksam, wenn sie nachhaltig implementiert werden.
Zum Beispiel spezielle Robotikkurse für Schülerinnen oder Informatik(vor)kurse für Studentinnen. Auf der anderen Seite können besondere Angebote für junge Männer im Gesundheitssektor auch deren Interesse für den Pflege- und Gesundheitssektor steigern helfen. Diese wiederum werden dort sehr dringend gebraucht.
Sie haben bereits früh zu Gender Mainstreaming in der Informatik geforscht. Wie hat sich das Bewusstsein für geschlechtergerechte Digitalisierung seit Ihren ersten Projekten verändert?
Ein Perspektivenwechsel hat sich eingestellt. Weg vom Defizitansatz.
Der Index für Geschlechtergerechtigkeit wirkt wie ein Seismograph für Demokratieentwicklung. Das betrifft alle gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsbereiche.
Wer Technologie gestaltet, gestaltet Gesellschaft
Ein zentrales Stichwort Ihrer Publikationen ist die „digitale Souveränität“. Welche Rolle spielt dabei die gezielte Förderung von Frauen in MINT- und IT-Bereichen?
Eine sehr wesentliche Rolle, da Technik und Informatik eine immense Gestaltungskraft in der Gesellschaft entfalten.
e paritätischer und geschlechtergerechter Gruppen von Akteurinnen und Akteuren in Technik und Informatik zusammengesetzt sind, umso besser die Produkte.
Mit Blick in die Zukunft: Welche Impulse sollte die Wissenschaftspolitik setzen, um Programme wie DiGiTal nachhaltig zu verankern und mehr Frauen langfristig für die Digitalisierungsforschung zu gewinnen?
Verstetigung ist die Erfolgsformel. Mehr Geschlechtergerechtigkeit und Diversität in der Wissenschaftslandschaft zu implementieren, ist dabei besonders wichtig. Allein das DiGiTal-Programm zu verstetigen, würde nicht nur die Berliner Hochschulen und Universitäten nachhaltig bereichern, sondern auch ein bundesweites Signal senden. Das DiGiTal-Programm stärkt Frauen auf dem Weg zur Professur und eröffnet neue multidisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsfelder.
Motivation und gute Karrierechancen
Wenn Sie Frauen für diesen Weg begeistern wollen: Was ist der eine Funke, der Ihrer Erfahrung nach überspringen muss?
Die Leidenschaft einen echten Beitrag für die Gesellschaft leisten zu wollen! Dieses Wollen in einem engagierten paritätisch besetzten Team gemeinsam umzusetzen, ist einfach unschlagbar.
Professorin zu werden ist definitiv anstrengend, aber der Weg lohnt sich.
Den wissenschaftlichen Nachwuchs zu bilden und zu stärken, ist nach meiner Ansicht dabei die wichtigste Aufgabe. Technische Akteurinnen werden schließlich immer wichtiger.
Und wie stehen für Frauen die Chancen auf eine Professur?
Die Chancen für Frauen, die sich für eine wissenschaftliche Karriere interessieren, werden immer besser, auch an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW). Von den 43.000 Professuren an deutschen HAWen und Universitäten werden in den nächsten zehn Jahren allein durch den demographischen Wandel 40 Prozent neu zu besetzen sein. Ich kann Sie nur ermutigen, den Weg einzuschlagen, neben der Forschung und Promotion Berufserfahrung außerhalb einer Hochschule zu sammeln und sich dann zu bewerben. Ich habe meine berufliche Erfüllung an der HWR Berlin gefunden, mit der idealen Verbindung von beruflicher Praxis und wissenschaftlicher Perspektive.
Frau Prof. Wiesner, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Das Interview wurde aufgezeichnet von Sylke Schumann, Pressesprecherin der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.
Hintergrund: Das Verbundprogramm „DiGiTal – Digitalisierung: Gestaltung und Transformation“
Das Programm „DiGiTal – Digitalisierung: Gestaltung und Transformation“ ist ein Verbund von 13 Berliner Hochschulen, gefördert durch das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP), initiiert und begleitet durch die Landeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Berliner Hochschulen (LakoF). In zwei Förderphasen (2017–2021 und 2022–2026) wurden insgesamt 39 Wissenschaftlerinnen sowie Künstlerinnen und Gestalterinnen unterstützt. Ziel des Programms war es, Frauen auf dem Weg zur Professur und in der Digitalisierungsforschung zu stärken, innovative Forschung zu fördern sowie interdisziplinäre Vernetzung und kooperative Promotionen auszubauen. Am 17. April 2026 fand an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin die feierliche Abschlussveranstaltung statt, auf der unter anderem Einblicke in Erfolgsgeschichten aus dem DiGiTal-Programm gegeben und Projekte vorgestellt wurden.