04.11.2019 — Pressemitteilung 55/2019Pressemitteilung 55/2019 | 04.11.2019

Dialogforum

Mindset zählt mehr als Skillset

»Die Positionierung stellt im technologischen Wandel für Banken das größte Risiko dar«, ist eine Kernbotschaft des Dialogforums #Wirmüssenreden an der HWR Berlin.

Foto: Sylke Schumann

Entscheidungsträger/innen aus Wirtschaft und Politik diskutierten am 1. November 2019 an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin gemeinsam mit Wissenschaftler/innen allgemein über die Chancen neuer Geschäftsmodelle durch die Digitalisierung, neue Technologien und über den Wandel der Finanzmärkte im Speziellen.

Universeller Ansatzpunkt der vier Panels zu unterschiedlichen Scherpunkten war die Tatsache, dass alle Branchen vor dem nächsten technologischen Sprung stehen. Mit der Veränderung der Geschäftsfelder werden neue Kunden und Märkte erschlossen. Die Struktur der Unternehmen modifiziert sich und führt zu einem Wandel in der Unternehmenskultur. Chris Bartz, Mitgründer und CEO der Elinvar GmbH sowie Vorsitzender des FinTechRats beim Bundesministerium der Finanzen, betont, dass Digitalisierung weit über Online-Plattformen und Cloudcomputing hinausgeht. Faktoren wie Information, Serviceoptimierung und Individualisierung sind entscheidende Determinanten für Wertschöpfung und Erfolg eines Unternehmens in einer B2B-Wirtschaftsnation wie Deutschland, argumentiert der Digitalexperte. Noch fehle es an der nötigen Infrastruktur, vor allem an der Regulierung im Umgang mit Kundendaten und auf dem Gebiet des Cloud Computing.  

Die Positionierung stellt im technologischen Wandel für Banken das größte Risiko dar, sagt Commerzbank-Vorstand Jörg Hessenmüller (links) auf dem Dialogforum zu neuen Geschäftsmodellen an der HWR Berlin.

Trotz der Markttransformation hin zum Financing, der Abwicklung von Kredit- und Bezahlprozessen durch Anbieter aus Industrie und Handel, sieht Commerzbank-Vorstand Jörg Hessenmüller die klassischen Banken dennoch weiter im Zentrum der Wirtschaft: »Ohne Banken funktioniert nichts, nicht mal ein ERoller. Zahlungen, selbst die von reinen Zahlungsverkehrsanbietern wie PayPal, werden über klassische Bankkonten abgewickelt«, erläutert der Vorstand der Commerzbank AG. Doch auch er sieht die Entwicklung bewährter und neuer Geschäftsmodelle in der Europäischen Union gehemmt durch unzeitgemäße Rahmenbedingungen und die »Filetierung Europas«. »Wir reden viel von Europa und von gemeinsamen Regeln. Aber in der Realität gibt es große Diskrepanzen«, sagt Hessenmüller und mahnt mit Nachdruck eine schnelle Modernisierung der öffentlichen Verwaltung an, die Anpassung von Regulatorien und der Gesetzgebung. Noch heute gebe es »ohne Tinte kein Wertpapier«, und das in Zeiten von Blockchain.

Dabei »verfolgt die Bundesregierung das Ziel, Deutschland zum Vorreiter in der Blockchain- Technologie zu machen«, beteuert Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen, in seiner Keynote. Auch er bemängelt die fehlende länderübergreifende Bankenregulierung im Euroraum, was dazu führe, dass bislang noch keine echte europäische Privatbank geschaffen werden könne – ein Nachteil gegenüber China und den USA mit ihren großen Märkten und Banken.

Mit Blick auf die Finanzmärkte sind neue Technologien und Regulierung nicht die einzigen Herausforderungen. Auch die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Europa und der Welt führt aktuell zu höheren Risiken, so Stefan Bender, Leiter der Unternehmensbank Deutschland der Deutschen Bank im ersten Panel zur Transformation internationaler Finanzmärkte. Carsten Jung, Vorstandsvorsitzender der Berliner Volksbank, stellt im Panel zur Zukunft regionaler Banken heraus, dass es nicht hinreichend sei, auf einer technologischen Plattform Kund/innen zu sammeln, sondern darum gehen muss, mit ihnen ins Geschäft zu kommen. Wertschöpfungsketten und Kundenverhalten verändern sich grundlegend.

Die Ideengeber/innen und Entscheider/innen aus Politik und Wirtschaft reüssieren auf dem branchenübergreifenden Gesprächsforum an der HWR Berlin, dass Finanzsektor und Industrie sich von den Regeln bestehender Geschäftsmodelle gedanklich lösen und völlig neu denken müssen. Dafür braucht es Fachkräfte neuen Typs: Übergreifendes, interdisziplinäres Denken und Arbeiten, Offenheit und Neugier, Erfahrungen sammeln in anderen Bereichen wie Unternehmensberatungen oder Start-ups und mutig neue Wege auszuprobieren, das empfiehlt Astrid Schulte, Vorstandsvorsitzende der Berendsohn AG im Panel zur digitalen Transformation traditioneller Geschäftsmodelle – Grundvoraussetzungen, um die Zukunft der Arbeit mitgestalten und in der Berufswelt bestehen zu können: »Viele Jobs sind automatisierbar. Es liegt noch ein langer Weg vor uns«, sagt Agnes Heftberger, Geschäftsführerin IBM Deutschland im Panel unter dem Titel »Digitalisierung und Plattformökonomie – Welche Infrastruktur brauchen Unternehmen für Finanzdienstleistungen der Zukunft?«.

IBM-Geschäftsführerin Agnes Heftberger: Mindset zählt mehr als Skillset und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Hochschulen sind gefordert, neben grundlegenden Theorien und praktischem Handwerkszeug der Ökonomie auch IT-Wissen und eine offene, innovationsaffine Grundhaltung zu Problemstellungen außerhalb der unmittelbaren eigenen Erfahrungswelt zu vermitteln. Ökonom/innen aus allen Bereichen von Industrie, Handel und (Finanz-) Dienstleistung seien künftig zugleich Technolog/innen, bietet sich ein großes berufliches Betätigungsfeld. »Mindset zählt mehr als Skillset«, betont Heftberger. Von Absolvent/innen wird die Bereitschaft erwartet, von Anfang an Verantwortung zu übernehmen.  

Prof. Dr. Stefan Wilhelm brachte an der HWR Berlin Entscheidungsträger/innen aus Wirtschaft und Politik zusammen zu einem Gesprächsforum über Chancen neuer Geschäftsmodelle.

Der Initiator des Dialogforums und Professor für Bank- und Finanzwirtschaft am Fachbereich Duales Studium an der HWR Berlin, Prof. Dr. Stefan Wilhelm, sagt dazu: »Die digitale Transformation bricht traditionelle Branchenstrukturen und Geschäftsprozesse auf. Um erfolgreich wirtschaften zu können, müssen wir interdisziplinäre Brücken bauen zwischen Technik und Wirtschaft und dazu müssen wir miteinander reden, voneinander lernen und gemeinsam handeln.«

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin)
Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin zählt mit 11 000 Studierenden zu den großen staatlichen Hochschulen für angewandte Wissenschaften – mit ausgeprägtem Praxisbezug, intensiver und vielfältiger Forschung, hohen Qualitätsstandards und einer starken internationalen Ausrichtung. Das Studiengangsportfolio umfasst Wirtschafts-, Verwaltungs-, Rechts- und Sicherheitsmanagement sowie Ingenieurwissenschaften in 60 Studiengängen auf Bachelor-, Master- und MBA-Ebene. Die HWR Berlin ist größter Anbieter von dualen Studiengängen und kooperiert mit über 700 Unternehmen. Sie fördert den Wissens- und Technologietransfer und unterstützt Gründungsaktivitäten über den Startup Incubator Berlin. Die Hochschule unterhält 170 aktive Partnerschaften mit Universitäten auf allen Kontinenten und ist Mitglied im Hochschulverbund „UAS7 – Alliance for Excellence“. Deutschlandweit führend bezogen auf die Internationalisierung von BWL-Studiengängen belegt die HWR Berlin Spitzenplätze im deutschlandweiten Ranking des CHE Centrum für Hochschulentwicklung. Aus einer bundesweiten Umfrage von DEUTSCHLAND TEST ist die Hochschule wiederholt als „TOP Business School“ im Weiterbildungsbereich hervorgegangen. Die HWR Berlin unterstützt die Initiative der Hochschulrektorenkonferenz „Weltoffene Hochschulen – Gegen Fremdenfeindlichkeit“.

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